ARCHäOLOGIE

von am 27.08.2018 in Archäologie

Autorin: Anneke Hoffmann, Praktikantin

Schritt 1: Man nehme einen alten Tontopf und werfe ihn mit Schwung auf den Boden … Dann puzzelt man die Bruchstücke wieder zusammen.

Nein, so einfach ist das natürlich nicht. Und das Gefäß ist in der Regel auch schon kaputt. Wenn ein Restaurator Keramikscherben bekommt, stammen sie meistens aus einem Archiv oder direkt aus einer Ausgrabung. Stammen sie aus einem Archiv, sind sie häufig schon einmal restauriert worden und wieder zusammengefallen. Die Scherben werden dann im ersten Schritt mit Wasser von Staub und Schmutz befreit und die Klebereste der Altrestaurierung werden entfernt. Es wird meist Kleber verwendet, der sich leicht mit Aceton wieder lösen lässt. Dann kann man anfangen zusammenpassende Teile zu suchen.

 

Von unten nach oben

Man fängt vom Boden aus an, das Gefäß wieder aufzubauen. Hier lauert schon die erste Falle: Man ist anfangs versucht, den Boden platt wie bei einem Kochtopf aufzubauen. Oft weist der Boden aber eine leichte Wölbung nach innen auf! Fällt man darauf rein, passen die Scherben weiter oben nicht mehr richtig zusammen und man darf von vorne anfangen.

Hat man diese Hürde gemeistert, kann es weitergehen. Scherbe für Scherbe klebt man von unten nach oben an, was oft eine wackelige Angelegenheit ist. Anfangs hat man das Gefühl, die Scherben eher an die eigenen Hände zu kleben als aneinander, doch mit Geduld nimmt das Puzzle immer mehr Form an. Urnen liegen teilweise Jahrtausende im Boden und erfahren in der Erde Druck von allen Seiten. Irgendwann geben sie nach und brechen. Dies passiert häufig dort, wo der Bauch des Gefäßes den größten Umfang hat. An dieser Stelle halten die Scherben statisch bedingt oft nicht gut, weshalb man Hilfsmittel zum Befestigen braucht. Um Scherben aneinander zu fixieren, kann man Klammern (wie zum Beispiel Wäscheklammern) und Gummibänder zur Hilfe nehmen und mit Plastikstreifen die Wölbung der Gefäßwand verstärken. Ist man nun endlich oben am Rand angekommen, kann es sein, dass die letzten Stücke entweder nur mit Lücken zwischen einander an ihren Platz passen oder es zu wenig Platz für sie gibt. Dann kann man schauen, ob weiter unten im Gefäß manche Bruchkanten nicht passgenau übereinander liegen oder sich wieder verschoben haben. Diese löst man dann mit Aceton wieder an und drückt sie mit Hilfe von starken Fahrradschläuchen, die man um das Gefäß legt, oder Klemmen wieder an ihren Platz. Das macht man so lange, bis alle Scherben ins Gefäß passen.

Was tun, wenn etwas fehlt?

Manchmal fehlen im Gefäß einige Stellen, oder Kanten sind so sehr abgerieben, dass größere Lücken zwischen Scherben entstehen. Diese kann man mit Gips wieder auffüllen, vor allem dann, wenn die Lücken und Fehlstellen das Gefäß instabil machen. Dazu nimmt man Knetmasse, rollt diese aus und nimmt einen Abdruck des Gefäßprofils an einer Stelle, an der es keine Fehlstelle gibt. Die Knetmasse legt man nun über das Loch und füllt es mit flüssigem Gips auf. Ist der Gips trocken, kann man ihn zurecht schleifen und eventuell in der Farbe des Gefäßes anmalen. Am Ende wird er mir einer weichen Bürste poliert, damit er einen ähnlichen Glanz wie die Keramik bekommt.


Kommentare

Eine Antwort zu “Wie restauriere ich eine Urne? Oder 3D-Puzzle für Profis!”

  1. Peter S.

    Danke für diese Schilderung, die bei mir Jugenderinnerungen lebendig werden lässt! Vor nunmehr 40 Jahren ging ich – ebenfalls Praktikant – ebenjenen Geschäften nach. Damals in der „Schmiede“ im Keller des Helms-Museums. Gibt es die eigentlich noch?

    Ich erinnere mich noch, dass sich die Schmiede einmal sogar in einen Hörsaal verwandelte. Damals erschien ein kleiner, etwas untersetzter Herr in Hut und Mantel in der Tür, zeigte auf eine Standfußschale aus dem 2. Jahrhundert und begann mit den Worten „Das ist ein Chauke“ eine Privatvorlesung für mich, der ich da mit gipsbekleckerten Jeans und Mecosan unter den Fingernägeln an Urnen aus dem Elb-Weser-Dreieck herumklebte. Ein bizarres Bild! Es war – wer könne es anderes gewesen sein? – Willi Wegewitz, von uns im Hause liebevoll „Opa Willi“, von Studenten „Langobarden-Willi“ genannt, der vormalige Direktor des Museums. Thema seines improvisierten Vortrages war die Geschichte der Elbgermanen, eines seiner Lieblingsthemen. Diese eigenartige Szene machte ihn zu meinem ersten Professor und mich zu seinem wohl letzten Studenten.

    Die Zeit meiner Museums- und Grabungspraktika im Helms-Museum war für mich schön, lehrreich und prägend, ich erinnere mich wirklich gern!

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