ARCHäOLOGIE INTERVIEW / PORTRAIT

Das Archäologische Museum Hamburg beherbergt unter seinem Dach eine Vielzahl historisch wertvoller und relevanter Objekte aus der Stadt Hamburg und dem Landkreis Harburg, von prähistorischen Steinartefakten bis hin zu neuzeitlichen Reklametafeln. Ein paar Objekte sind sogar noch jünger, scheinen aber wesentlich älter.

Die Rede ist natürlich von Repliken. Sowohl für Ausstellungen als auch für die Museumspädagogik nutzt das Museum modern gefertigte Objekte, um den Besuchern zu zeigen, wie diese früher einmal ausgesehen haben. So gab es zuletzt in der EisZeiten-Sonderausstellung (2016/2017) eine prähistorische Speerschleuder zu bestaunen und in den museumspädagogischen Programmen werden je nach Thema diverse Werkzeuge und Waffen wie Beile oder Pfeile präsentiert.

Da manche Repliken im Gegensatz zu den anderen Objekten des Museums berührt und ausprobiert werden dürfen, nutzen sie sich wie alle Gebrauchsgegenstände ab. Und hier kommt Kai de Graaf ins Spiel! Der Archäologe und Wildnispädagoge ist unseren aufmerksamen Besuchern bereits durch diverse Social-Media-Auftritte bekannt:

 

Vor fast zehn Jahren begann die Zusammenarbeit zwischen Kai und dem Archäologischen Museum Hamburg. Damals hatte er sich als freiberuflicher Museumspädagoge mit seinen selbstgebauten Repliken im Museum vorgestellt und „dann kam eins zum anderen“, wie er sagt. Als Wildnispädagoge und Archäologe hat Kai gleich aus zwei Gründen Interesse daran, Repliken herzustellen. Er möchte anderen Menschen beibringen, sich mit Materialien aus der Natur zu behelfen und kann damit gleichzeitig experimentelle Archäologie betreiben.

Aufgrund seiner Erfahrung darin, Repliken mit alten Methoden und Materialien herzustellen, wurde er gebeten, die benutzten Repliken des Museums wieder in ihren Idealzustand zu bringen.

 

„Birkenpech, Sehnen und Rohhaut halten die Welt der Vorgeschichte zusammen.“

Dieser von Kai locker ausgesprochene Satz trifft den Kern seiner Arbeit. Ohne diese drei Materialien wären seine Repliken (und die anderer auf Authentizität bedachter Rekonstrukteure und Archäotechniker) nicht herzustellen.

Birkenpech diente den prähistorischen Menschen als Klebstoff. Als Thermoplast ist das Material im kühlen Zustand fest, wird aber flüssig, sobald es erhitzt wird.

 

Sehnen von Tieren waren als dünne, reißfeste Fäden für allerlei feine Arbeiten beliebt.

Auch wenn Kai auf alte Methoden und natürliche Materialien schwört, nutzt er zum Befestigen der Federn am Pfeilende Kunstsehne. Außerdem Holzleim. Der Grund dafür ist einfach: So hält der Pfeil hält länger, wenn er durch viele Besucher- oder Mitarbeiterhände geht, die das Objekt im wahrsten Sinne des Wortes begreifen.

 

Rohhaut schließlich ist ungegerbte Tierhaut, im Gegensatz zum gegerbten Leder. Rohhaut wurde als gröberes Bindematerial verwendet, zum Beispiel zum Befestigen von Klingen an Waffenstielen.

Ein bronzezeitliches Leistenbeil wird von Kai mit einer neuen Rohhaut-Bindung versehen. Um die straff gezogenen Streifen zu fassen zu kriegen, um sie zu verknoten, benutzt Kai ganz authentisch eine Knochenahle, die er ebenfalls selbst hergestellt hat.

 

Kai freut sich riesig, die Repliken mit alten Methoden zu reparieren, erzählt er. Außerdem fühlt er sich wie eine Art Archäologe der Moderne, wenn er die unterschiedlichen Repliken des Museums bearbeitet. Das klingt erst mal merkwürdig, er erklärt aber, dass er sich bereits mit vielen unterschiedlichen Archäotechnikern und deren Arbeit auseinandergesetzt hat. Daher kann er beispielsweise die steinzeitlichen Pfeile anhand deren Verarbeitung verschiedenen Handwerkern zuordnen. Was einerseits eine witzige Anekdote ist, zeigt gleichermaßen wieder einmal, wie wichtig experimentelle Archäologie für unser Verständnis der Vergangenheit ist. Unterschiedlich gefertigte Werkzeuge und Waffen müssen nicht auf unterschiedliche Herstellungsorte verweisen, sondern können schlicht von unterschiedlichen Personen geschaffen worden sein.


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