STADTGESCHICHTE

von am 08.01.2019 in Stadtgeschichte

Autor: Jens Brauer

Geschichte hautnah. Im Stadtmuseum Harburg bearbeitet Charleen Wagner zurzeit einen einzigartigen Nachlass aus der Zeit der Weimarer Republik und den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Von Oktober
bis Dezember ist die gebürtige Tostedterin, die in Hannover ihren Master in Kulturwissenschaften absolviert, als Praktikantin in der stadtgeschichtlichen Abteilung beschäftigt. Ein glücklicher Zeitpunkt – denn zeitgleich wurde dem Museum ein Nachlass mit Briefen und Dokumenten übergeben, der es in sich hat. Die Erfassung und Inventarisierung des Inhalts wurde für die 24jährige Historikerin zu einer spannenden Zeitreise.

Ein fotografischer Liebesgruß der Harburgerin Lisa Grünhoff an ihren Verlobten. Foto: © AMH Ein fotografischer Liebesgruß der Harburgerin Lisa Grünhoff an ihren Verlobten. Foto: © AMH

Der Nachlass stammt von der Harburgerin Lisa Grünhoff (1923 – 2001) und erweist sich als Schatz für die Stadtgeschichte. Dies zeigt sich bereits bei einem ersten Blick auf einen der Briefe. Lisa schrieb diesen am 20. April 1945 kurz vor der Besetzung Harburgs durch britische Truppen an ihren Verlobten an der Front: »Jetzt ist es soweit, der T[ommy] steht vor unserer Stadt. Ein ständiges Schießen liegt in der Luft.« In vielen Briefen werden Liebesschwüre und Hoffnungen auf die Zukunft von Angst und Ungewissheit begleitet: »wer weiß was nun morgen ist, vielleicht liegen harte Stunden vor uns, vielleicht bin ich aber auch schon tot!!!!!!!!!.« Die über 60 Briefe an ihren späteren Ehemann lassen Alltag und Erlebnisse einer jungen Frau in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges auf dramatische und sehr private Art lebendig werden.

Charleen Wagner, Praktikantin im Stadtmuseum Harburg, sichtet den umfangreichen Briefnachlass von Lisa Grünhoff. Foto: © AMH Charleen Wagner, Praktikantin im Stadtmuseum Harburg, sichtet den umfangreichen Briefnachlass von Lisa Grünhoff. Foto: © AMH

Aber damit nicht genug. In dem Nachlass finden sich auch Dokumente und Briefe ihres Vaters, Alfred Grünhoff (1902-1944). Dieser war Schiffszimmerer in Harburg – und Kommunist. 1932 wird er wegen schweren Landfriedensbruches und Widerstand gegen die Staatsgewalt zu acht Monaten und zwei Wochen Haft verurteilt. Mit anderen Kommunisten hatte er versucht, eine Zwangsräumung in der Hohen Straße zu behindern. Ein Steinwurf auf den Möbelwagen führte schließlich zu seiner Verhaftung. Aus dem Gefängnis in Lingen (Emsland) schreibt er an seine Frau: »Wenn man auch als aktiver Kommunist sozusagen immer mit einem Bein im Gefängnis steht, so werde ich in Zukunft doch mein Möglichstes tun, um diesem Leben fern zu bleiben. Aber ich habe ja eine gute Frau und ein liebes Kind und da werde ich immer dran denken. « Seine Briefe und von ihm gesammelte Zeitungsartikel beleuchten schlaglichtartig die aufgeheizte Stimmung im Harburg-Wilhelmsburg der frühen 1930er Jahre. Demonstrationen und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Gruppierungen waren an der Tagesordnung. Auch Alfred Grünhoff nahm als Kommunist daran teil.

Derart umfangreiche und dichte Nachlässe sind ein Glücksfall und sehr selten. »Für mich als Historikerin ist die Bearbeitung solcher Quellen eine einmalige Gelegenheit. So einen Nachlass werde ich vermutlich nicht noch einmal in die Hände bekommen«, freut sich Charleen Wagner.

Jens Brauer
Leiter Stadtgeschichte AMH


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