ARCHäOLOGIE VERBORGENE SCHAETZE IN DEN SAMMLUNGEN ZENTRALMAGAZIN

Autor: Bent Jensen (Mitarbeit extern), Fotos: Torsten Weise

Griechische und römische Statuen und Statuetten sind unserem klassischen Archäologen ja bestens bekannt, aber wie steht es mit spätneolithischen Tonfigurinen aus Bulgarien? Auch ganz gut.

Heute stellt er uns eine kleine Figurine beziehungsweise ein Idol der sogenannten Vinča-Kultur vor. Mit einem Alter von fast 7000 Jahren handelt es sich bei dem Stück um eine der ältesten, wenn nicht sogar die älteste, Tonplastik des Depots.

Was genau ist das denn für eine Figur?

Dieses 16,20 cm hohe Objekt besteht aus Ton und stellt eine stehende anthropomorphe, also menschliche, Figur dar. Die Körperproportionen entsprechen nicht der Realität, die Arme und Beine der Figur sind recht kurz, der eckige Kopf sehr groß. Die Beine enden zudem nur in angedeuteten Füßen und die Arme scheinen auf halber Strecke zu „verkümmern“ und weisen keine Hände auf.

Die komplette Figur ist mit Ritzzeichnungen und Farbe verziert, wobei sich die Kerben natürlich besser erhalten haben. Die beiden Beine stehen eng beieinander und sind ein solides Stück Ton. Etwa auf der Hälfte beginnend verlaufen um die Beine herum Linien, die spontan an Kleidung erinnern, etwa ein Kleid oder einen Rock. Dieser Eindruck wird durch vertikale Linien (Nähte?) an den Seiten der Figur verstärkt.

Der Oberkörper der Figur ist auf der Brust und auf dem Rücken mit geometrischen Formen verziert, die eine Art eckiger Spirale bilden. Was der Autor auf den ersten Blick für ein Schamdreieck auf der Vorderseite hielt (und sich wunderte, dass es trotz des vermeintlichen Rocks darüber dargestellt war), ist offenbar eine Weiterführung der eckigen Spirale, die über den Oberkörper hinausgeht. Kurz bevor die Arme enden, befinden sich auf ihnen umlaufende Linien, die als Saum eines Kleidungsstückes oder Schmuck gedeutet werden könnten. Oder natürlich einfach nur als hübsche Verzierungen.

Zu guter Letzt wurde auch das Gesicht mit eingetieften Linien versehen. Hier kann man recht eindeutig große, mandelförmige Augen erkennen. Die restlichen Linien betonen die ebenfalls große Nase und verlaufen über die Wangen und den Kopf. Bemerkenswerterweise fehlt ein Mund.

 

Und was ist dieses Vinča?

Vinča ist der Name eines Fundortes in der Nähe von Belgrad (Serbien), genauer gesagt ein Tell oder Siedlungshügel mit 9 m hohen Siedlungsschichten. Die dort entdeckte neolithisch-chalkolithische Kultur erstreckte sich im 6. und 5. Jahrtausend v. Chr. auf dem Gebiet des heutigen Serbiens, Nordostbosniens, Westrumäniens und Westbulgariens. Die Vinča-Kultur zeichnet sich vor allem durch reiche Keramikfunde aus, aber eben auch durch zahlreiche erhaltene anthropomorphe Idole aus Ton. Sie dienten vermutlich kultischen Zwecken, zum Beispiel als Kultbild oder Weihgabe, worauf ihre Fundorte in heiligen Bezirken oder in der Nähe von Altären hinweisen.

 

Und woher weiß man, wie alt die Figur ist?

Die genauen Fundumstände unserer aus Bulgarien stammenden Figur sind nicht bekannt, aber dafür ihr Alter. Abgesehen davon, dass man sie anhand ihrer Herkunft, der typischen Kopfform und der reichhaltigen Ritzverzierung bereits der Vinča-Kultur zuordnen kann, bestätigt eine Thermolumineszenz-Untersuchung eine Entstehung im 5. Jahrtausend v. Chr. Diese Art der Datierung ist besonders interessant für Archäologen, weil man mit ihrer Hilfe gebrannte Keramik datieren kann. Grob gesagt wird dabei die winzige Menge an Radioaktivität gemessen, die der Ton nach seinem Brand seitdem langsam angesammelt hat. Die Strahlung wird bei der Untersuchung als Lichtintensität gemessen, welche die vorher erhitzten Elementarteilchen des Tons abgeben. Daher der Name „Thermolumineszenz“. Die bekanntere Radiokarbon- oder C14-Datierung funktioniert nur bei kohlenstoffhaltigen, also meist organischen Materialien, weshalb diese Methode für Keramik gewöhnlicherweise nicht so gut funktioniert.

Unser klassischer Archäologe datiert für gewöhnlich mit dem Vergleich von Stilen oder den Locken bzw. Falten von antiken Statuen (das stimmt tatsächlich!) und hat sich nur am Rande mit naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden auseinandergesetzt. Er glaubt dieser Erklärung trotzdem.

 

Das kleine Loch am Hinterkopf der Figur stammt von der für das Thermolumineszenz-Verfahren entnommenen Materialprobe.

 

Und wieso Idol?

Als „Idol“ werden in der Archäologie oft abstrakt anthropomorphe, überwiegend kleine Figuren bezeichnet, die man nicht näher benennen kann und deswegen gerne in einen kultischen Zusammenhang stellt. Der Begriff „Idol“ stammt aus dem Altgriechischen. Das Wort Eidolon (εἴδωλον) wurde z.B. von Homer benutzt und beschreibt dort ein nur halb reales Traum- oder Schattenbild. Über Herodot, der mit „Eidolon“ eine goldene Statuette beschreibt, die in einem Heiligtum geweiht wurde (obwohl der eigentliche Name für geweihte Götterstatuetten „Agalma“ war), wurde der Begriff in der frühen jüdisch-christlichen Tradition als „idolum“ für alle heidnischen Götterbilder verwendet.

Wie bereits erwähnt, werden die Idole der Vinča-Kultur aufgrund der Fundumstände als kulturelle Objekte angesprochen. Dazu passt, dass die oft dreieckige Kopfform als Maske interpretiert wird (eine entsprechende 20 cm große Maske wurde tatsächlich ebenfalls gefunden) und von Priestern oder Schamanen zu rituellen Anlässen getragen worden sein könnte.

 

Und jetzt?

Wir haben es bei unserer Figurine also mit einer (aufgrund der Kleidung und des etwas breiteren Beckens möglicherweise weiblichen) Menschendarstellung zu tun, die aufgrund von Fundort, Datierung und Stil eindeutig der Vinča-Kultur zuzuordnen ist. Das Geschlecht ist zwar nicht mit Sicherheit zu bestimmen, allerdings sind stehende Frauendarstellungen ein sehr typisches Motiv dieser Kultur. Vielleicht haben wir es also mit einer Priesterin zu tun. Oder etwa doch mit einer Göttin …?

Was ist Ihre Meinung, liebe Leserinnen und Leser? Wenn Sie Expertenwissen oder einfach eine spannende Theorie zum Thema haben, sind Sie wie immer herzlich eingeladen, diesen Beitrag zu kommentieren.

 

 

 

Quellen:

Objektdatenbank Archäologisches Museum Hamburg

Max Kunze (Hrsg.), Götzen, Götter und Idole (Mainz u.a. 2010)

 


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