ARCHäOLOGIE VERBORGENE SCHAETZE IN DEN SAMMLUNGEN

Autor: Bent Jensen (Mitarbeit extern), Fotos: Torsten Weise

Unser klassischer Archäologe war wie üblich im Depot des Archäologischen Museums Hamburg unterwegs, auf der Suche nach Schätzen der Antike und anderen Kleinoden. Dieses Mal hat er tatsächlich wieder etwas Antikes entdeckt, und zwar einen römischen Tonziegel aus dem 1. Jahrhundert n.Chr. aus Mainz.

 

Was genau ist das denn für ein Ziegel?

Wir haben es hier mit einem etwa 20 x 20 cm großen und 5,6 cm dicken, annähernd quadratischen roten Tonziegel zu tun. Das spektakulärste Merkmal dieses Stücks ist offensichtlich ein 6,5 cm durchmessender Stempel. Der Stempel zeigt eine Pflanze, möglicherweise einen Palmwedel, umschrieben von den Buchstaben „LEG XXII P∙P∙F“.

 

Wir haben es hier mit einem etwa 20 x 20 cm großen und 5,6 cm dicken, annähernd quadratischen roten Tonziegel zu tun.

 

Wo wurde dieser Ziegel denn verwendet?

Bevor wir zu dem spannenden Stempel kommen, müssen wir uns einmal um das vermeintlich weniger aufregende kümmern, den Tonziegel an sich. Solch eine Form taucht für gewöhnlich an einem speziellen Ort auf, nämlich unter dem Fußboden von römischen Bauwerken. Einige Villen und so gut wie alle öffentlichen Bäder besaßen eine Hypocaustum genannte „Fußbodenheizung“.

In einer Ofenanlage wurde dafür Holz oder Holzkohle verbrannt und die Gase und heiße Luft durch einen Hohlraum geleitet. Dieser Hohlraum befand sich unter dem oft 50 cm dicken Fußboden, welcher von Ziegelpfeilern gestützt wurde. Und hier kommt unser Tonziegel ins Spiel – aufgrund seiner Maße wird er höchstwahrscheinlich mit vielen gleichen Stücken einen solchen Pfeiler gebildet haben. Die Luft wurde dann entweder direkt zu einem Abzug oder – je nach Reichtum der Bauten – durch Hohlziegel in den Wänden abgeleitet.

Hypocaustum unter einer römischen Villa in Vieux-la-Romaine in Frankreich

Hypocaustum unter einer römischen Villa in Vieux-la-Romaine in Frankreich [Quelle: Wikimedia Commons, User: Urban~commonswiki

 

Und was hat es nun mit dem Stempel auf sich?

Der Stempel war das Zeichen der Baumeister des Ziegels, in diesem Fall eine römische Legion. „LEG XXII P∙P∙F“ steht komplett ausgeschrieben für „Legio XXII Primigenia pia fidelis“. Die 22. Legion war seit 92 n. Chr. in Mainz stationiert, wo sie als „Hauslegion“ bis zur Aufgabe der römischen Festung um 360/70 verblieb. Ihr Kommandeur war Militärbefehlshaber und zugleich Statthalter der Provinz Obergermanien, die sich vom Vinxtbach bei Bad Breisig bis nach Basel erstreckte, mit Mainz als Hauptstadt.

stempel archäologsiches Museum Hamburg Depot

 

Auch wenn die Hauptaufgaben der römischen Legionen militärischer Natur waren, kümmerten sie sich auch um friedlichere Dinge, zum Beispiel um das Errichten von Gebäuden. Bauen war tatsächlich neben der Verteidigung der Provinzen und der Eroberung neuer Gebiete die zweite Hauptaufgabe der römischen Legionen.

 

Ist das jetzt etwas Besonderes oder nicht?

Auch wenn solche Tonziegel wahrscheinlich zu Zehntausenden produziert wurden, zeigt sich hier sehr schön, was wir aus nur einem einzigen Objekt erfahren können. Wir wissen, wer es geschaffen hat (natürlich nicht die konkrete Person, aber immerhin ihre Zugehörigkeit, wenn der Ziegel denn das Werk eines Einzelnen war) und können nur durch den Fundort in Mainz auch das Alter des Objektes einschränken (92 – 370 n. Chr.).

Eine Sache haben wir allerdings noch nicht angesprochen: die im Stempel dargestellte Pflanze. Die Symbole der Legion waren ein Capricorn (ein Steinbock-Fisch-Mischwesen) und der Halbgott Hercules. Für gewöhnlich wurden diese Zeichen gemeinsam mit ihrem Namen verwendet. Warum hier nun eine andere Darstellung gewählt wurde, kann der Autor ohne tiefere Untersuchungen nicht sagen.

Tonziegel Archäologie Hamburg Depot Museum

 

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