AMH 2.0

von am 14.08.2017 in AMH 2.0

Beim #ArchaeoSwap 2017 hat das Badische Landesmuseum Karlsruhe sich für einen Tag auf unseren Kanälen ausgetobt. Besonders viele Likes gab es dabei für die etruskischen Objekte aus der Sammlung. Grund genug nochmal mit einem Blog-Beitrag nachzulegen und ein paar Hintergründe zu den Etruskern zu erfragen. Denise Rothdiener hat Susanne Erbelding, Kuratorin der Ausstellung „Die Etrusker – Weltkultur im antiken Italien“ (ab 16.12.17 in Karlsruhe) getroffen.

 

Wer waren die Etrusker?

Sie selbst nannten sich Raśna und der antike Historiker Dionysios von Halikarnassos bewunderte sie als „uraltes, von allen anderen sich unterscheidendes Volk“: die Etrusker. Als eine der frühen Hochkulturen Italiens bestimmten sie das Schicksal des westlichen Mittelmeerraums vom 10. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe widmet den Etruskern ab 16. Dezember 2017 eine große Sonderausstellung. Kuratorin Susanne Erbelding hat vorab schon mal ein paar Fragen beantwortet.

 Kopf einer Terrakottastatue des Gottes Hermes / Turms aus dem Heiligtum von Portonaccio in Veji, Ende 6. Jh. v. Chr., Museo Nazionale Etrusco Villa Giulia, Rom © Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia, Rom
Kopf einer Terrakottastatue des Gottes Hermes / Turms aus dem Heiligtum von Portonaccio in Veji, Ende 6. Jh. v. Chr., Museo Nazionale Etrusco Villa Giulia, Rom  © Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia, Rom

 

Frau Erbelding, was ist eigentlich typisch etruskisch?

Susanne Erbelding: Auch ich habe mir oft diese Frage gestellt und darauf 1000 und keine Antwort gefunden. Denn man landet schnell bei Stereotyp oder Spekulationen.
Man könnte die etruskische Sprache, ein wohl vorindogermanisches Idiom, das sich keiner Sprachfamilie zuweisen lässt, als ein Merkmal betrachten. Ebenso die gesamte materielle Hinterlassenschaft, welche von der Archäologie erforscht wird, aber auch den individuellen Verlauf geschichtlicher Entwicklungen und kulturhistorischer Phänomene, z.B. die urbane Kultur mit den Stadtstaaten, welche als geschickte Seefahrernationen das nach ihnen benannte Tyrrhenische Meer beherrschten. Elementar in der Welt der Etrusker war die Fürsorge der Lebenden für ihre Verstorbenen. Sie betrieben einen enormen Bestattungsaufwand mit einer vielfältigen Grabarchitektur, prachtvollen Beigaben sowie Bestattungs- und Totenkultriten. Ein intensives Verhältnis pflegten die Etrusker auch den Göttern. Livius meinte, sie seien „das Volk, das vor allen anderen auf religiöse Zeremonien großen Wert legte, weil es durch die Kunst, diese zu begehen, hervorstach (…)“.

 

Wie haben sich die Etrusker eigentlich mit den Römern und Griechen vertragen?

Susanne Erbelding: Die Etrusker standen in extremer Weise im Schnittpunkt der mediterranen Zivilisationen. Der kulturelle und ökonomischen Austausch führte in Etrurien zwischen dem 7. und 3. Jh. v. Chr. mehrfach zu einer Explosion der kreativen Potentiale. Dem Kontakt mit den Griechen verdankte man z.B. die Schrift, Kulturpflanzen wie Weinstock und Olive, Importprodukte wie Keramiken, vor allem aber das Bildungs- und Gedankengut der griechischen Literatur. Jeder Etrusker, der etwas auf sich hielt, besaß griechische Vasen oder las Ilias und Odyssee.

Antike Schriftquellen offenbaren, dass die Griechen ihrerseits wenig über die Etrusker wussten und sie als fremd- und andersartig wahrnahmen. Denn für sie waren sie ein „einzigartiges, von allen anderen sich unterscheidendes Volk“, so Dionysios von Halikarnassos.

Selbstverständlich gab es nicht nur friedliche Kontakte, sondern auch kommerzielle Konkurrenz, politische Rivalität und daher bittere Kriege mit den Griechen sowie – in späterer Zeit – mit dem expandierenden Rom. Die Römer verstanden es schließlich, die etruskischen Städte mit Gewalt oder Bündnissen in ihr Staatsgebiet zu integrieren, so dass das politische Etrurien im frühen 1. Jh. v. Chr. verschwunden war.

 Aschenurne in Form einer Kanope aus Chiusi, 6. Jh. v. Chr., Museo Archeologico Nazionale, Chiusi © Museo Archeologico Nazionale, Florenz

Aschenurne in Form einer Kanope
aus Chiusi, 6. Jh. v. Chr.,
Museo Archeologico Nazionale, Chiusi
© Museo Archeologico Nazionale, Florenz

 

Anders als in den anderen Hochkulturen genossen etruskische Frauen eine nahezu – heute würden man sagen – gleichberechtigte Stellung. Wie ist das zu erklären?

Susanne Erbelding: Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern gab es in der Antike nie. Das politische, soziale und wirtschaftliche Leben war immer und überall von Männern dominiert. Für die etruskische Kultur wird jedoch häufig eine besondere Wertschätzung der Frau postuliert bzw. eine große Bedeutung von Ehe und Familie. Einen Hinweis darauf könnten Bildwerke die Ehepaare in liebevoller Umarmung zeigen. Inschriften zeigen, dass ein Etrusker als Namenszusatz und Abstammungsnachweis nicht nur den Namen seines Vaters, sondern auch den der Mutter tragen konnte.

Am Thema Frauen exemplifizieren sich die Unterschiede in Mentalität und im Sozialleben von Griechen und Etruskern, aber auch die damit zusammenhängenden Missverständnisse: Die Etruskerinnen durften z.B. gemeinsam mit den Männern an den festlichen Banketten teilnehmen – ein Skandal in den Augen der Griechen, welche die etruskischen Frauen nicht nur als eitel und „schön“ ansahen. Sondern sie apostrophierten sie auch als „trinkfest“ und verglichen sie mit Prostituierten.

 

Was ist uns heute von den Etruskern geblieben –und was kann ich davon in der Karlsruher Ausstellung sehen?

Susanne Erbelding: Einzigartige Zeugnisse technisch perfekten und künstlerisch eigenwilligen Kunsthandwerks: farbenprächtigen Wandmalereien mit eleganter Linienführung, kunstvollen Bronzeobjekte – z.B. die lebensgroße Statue des Redners Avle Metele – kostbare Schmuckstücke aus Gold, verziert mit Granulation, d.h. mit winzigem Kügelchendekor, Terrakottabildnisse wie unser Plakatmotiv, der Götterkopf des Hermes aus Veji mit seinem viel zitierten „rätselhaften“ Lächeln.

Und wenn wir bei der Betrachtung der Kunstwerke überlegen, was die Etrusker gedacht und gefühlt haben mögen, sind sie uns vielleicht ganz nah, wenn wir glauben, aus ihnen den Versuch zu erkennen, sich in der „globalisierten“ Mittelmeerwelt fremde Einflüsse und Ideen erfolgreich anzueignen und zu etwas Eigenem umzuformen. Oder wenn wir in ihnen die Sehnsucht nach Schönheit, den Entschluss, das Leben zu feiern, die Angst vor dessen Ende im Tod, die Suche nach Trost im Göttlichen wahrnehmen.

Zu ergründen, was – in Bezug auf unsere moderne Gegenwartskultur – das Augurenlächeln, die Lituusspirale oder Etruskerspitzmaus sind, möchte ich gerne dem Leser als leicht zu ergooglendes Rätsel mit auf den Weg geben.

 Tabula Cortonensis Bronzeplatte mit Inschrift aus Cortona, 2. Jh. v. Chr., Museo dell’Accademia Etrusca e della Città di Cortona, Cortona © Museo Archeologico Nazionale, Florenz

Tabula Cortonensis
Bronzeplatte mit Inschrift aus Cortona, 2. Jh. v. Chr.,
Museo dell’Accademia Etrusca e della Città di Cortona, Cortona
© Museo Archeologico Nazionale, Florenz

 

Haben Sie einen persönlichen Urlaubstipp? Wo kann ich die etruskische Kultur besonders gut erfahren?

Susanne Erbelding: Natürlich in Karlsruhe, nicht nur in der Sonderausstellung „Die Etrusker. Weltkultur im antiken Italien“, sondern auch in unserer Dauerausstellung. Das Badische Landesmuseum besitzt seit dem 19. Jahrhundert eine schön inszenierte Sammlung bedeutender etruskischer Altertümer.

Bei einer Italienreise auf den Spuren der Etrusker darf natürlich der Besuch der großen Nationalmuseen in Florenz und Rom/Villa Giulia oder der Nekropolen von Cerveteri oder Tarquinia, beides UNESCO-Weltkulturerbestätten, nicht fehlen. Meine persönlichen Ausgrabungs-Highlights wären die monumentalen, „fürstlichen“ Grabhügel bei Cortona, das Hafenheiligtum von Pyrgi an der Küste des Badeorts Santa Severa oder die „Familiengruft“ der Volumnier in Perugia.

 

Das Interview führte Denise Rothdiener.

Susanne Erbelding M.A.

Studium der Klassischen Archäologie, Vorderasiatischen Archäologie und Alten Geschichte in Saarbrücken und Rethymno/Kreta. Studium der Pädagogik, Germanistik und Geschichte in Karlsruhe. Kuratorin am Badischen Landesmuseum, zuständig für die Sammlungsbereiche: Römische und italische Archäologie, Kuratorin von archäologischen Sonderausstellungen, z.B. „Imperium der Götter“ (2013/14).


Kommentare

2 Antworten zu “„Die Etrusker – Weltkultur im antiken Italien“”

  1. Marcus Cyron

    „Jeder Etrusker, der etwas auf sich hielt, besaß griechische Vasen oder las Ilias und Odyssee.“ – das hätte ich gerne genauer erläutert. Eigentlich halte ich das für rein Spekulativ. Die Bemerkung zu den Vasen für grundlegend falsch. Es dürfte keinen Etrusker gegeben haben, der griechische Vasen gesammelt hat. Diese Erzeugnisse hatten einen Zweck und dazu waren sie da. Ja – sie waren geschätzt. Aber im Rahmen ihrer Bedeutung und Nutzung. Nicht als Kunstobjekte. Sie besaßen griechische Vasen. In ihren Familiengräbern. Und vielleicht auch mal in der praktischen Nutzung.

    Antworten
    • Badisches Landesmuseum

      Lieber Herr Cyron,
      die zahlreichen griechischen Keramiken Etruriens sind Importprodukte, welche Handelsbeziehungen und den Austausch von Waren, aber auch den Transfer immaterieller Güter, z.B. von Wissen oder Gedankengut, dokumentieren. Manchmal wurden sie – so etwa die Vasen aus der Werkstatt des Atheners Nikosthenes in der 2. Hälfte des 6. Jh. v. Chr., ausschließlich für den etruskischen Markt hergestellt. Form und Fundkontext lassen Rückschlüsse auf Funktion und Verwendung in Etrurien zu. Man importierte insbesondere „Tischgeschirr“, z.B. Trink-, Misch- und Schankgefäße. Diese wurden zwar in Gräbern entdeckt und auch als Grabbeigaben verwendet, waren aber nicht ausschließlich zu diesem Zweck hergestellt. Viele dienten als kunstvoll gefertigte und prestigeträchtige Prunkgefäße im Rahmen des Banketts (welches sie als Beigaben im Grab häufig re-inszenierten). In diesem Zusammenhang lassen die griechischen Vasen Etruriens – sowie die von ihnen inspirierten etruskischen Gefäße – mit ihrem reichen Themenschatz aus der Mythologie und Erzähltradition Griechenlands – Rückschlüsse auf das geistige Leben und die Vorstellungswelten der Etrusker zu. Beim festlichen Gastmahl demonstrierten die Wohlhabenden, insbesondere die gesellschaftliche Elite, Reichtum, Rang und Einfluss, d.h. sozialen Status. Ein Moment desselben war die Bildung und als zentrale Bildungsinhalte galten in der gesamten Antike die homerischen Epen. Selbstverständlich wurden Pointen bzw. „Moral“ dieser Geschichten, wie sie auf den griechischen, aber auch auf einheimischen Denkmälern Etruriens dargestellt sind, verstanden. Man darf vermuten: Ein Etrusker beim Festmahl hat die Szene der Blendung des Polyphem durch Odysseus auf dem berühmten Aristonothos-Krater aus Cerveteri sicherlich nicht als Unwissender betrachtet, während sein Diener das Mischgefäß zum Anrichten des mit Wasser verdünnten Weines auftrug.
      Ich hoffe, diese Erläuterungen helfen etwas weiter.
      Viele Grüße,
      Susanne Erbelding
      Kuratorin Referat Antike Kulturen, Badisches Landesmuseum

      Antworten

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