AMH 2.0 STADTGESCHICHTE

von am 20.05.2021 in AMH 2.0, Stadtgeschichte

von Jens Brauer, Leiter der Abteilung Stadtgeschichte am AMH

Sommerfrische in den Harburger Bergen

Viele Hamburger haben in den vergangen Wochen und Monaten diejenigen Ausflugsziele schätzen gelernt, die direkt vor ihrer Haustür liegen. Coronabedingt waren Fernreisen in die Alpen nicht möglich. Etwas Linderung des Fernwehs versprach da etwa eine Wanderung in den Harburger Bergen.
Bereits vor 150 Jahren entwickelte sich die hügelige Waldlandschaft zwischen Heimfeld und Neugraben zur beliebten Ausflugsregion. Um 1900 hatte sich ein dichtes Netz von Restaurants und Gaststätten herausgebildet, in denen die Wanderer und Ausflügler Hunger und Durst stillen konnten.

 

schwarz-weiße Postkarte mit einer gezeichneten Karte der Harburger Berge, eingezeichnet sind diverse Ausflugsziele

Postkarte mit Relief der Harburger Berge und diversen Ausflugszielen

 

Eine neue Kultur-Route

Das Stadtmuseum Harburg hat sich auf die Suche nach den historischen Ausflugszielen mit so vielversprechenden Namen wie „Kaiserstuhl“ oder „Goldene Wiege“ gemacht. In der digitalen Plattform „Kulturrouten-Harburg“ werden 12 dieser früheren Anziehungspunkte im Gegenüber von historischen Fotos und Postkarten und dem heutigen Erscheinungsbild vorgestellt.

 

Postkarte mit historischen Foto des Lokals zur Majestätischen Aussicht: ein zweistöckiges Gebäude mit langer Glasfront am einem breiten Sandweg
gelbes, zweistöckiges Gebäude an einer breiten Straße

Das Hotel zur „Majestätischen Aussicht“ 1904 und heute

 

Attraktionen locken Ausflügler

„Majestätische Aussicht“, „Brunnenthal“ und „Burg Störtebeker“ – die Namen dieser Hotels und Restaurants in den Harburger Bergen versprachen dem Besucher und 1900 das ganz besondere Erlebnis. Und, Sie lockten mit besonderen Attraktionen. Mehrere Aussichtstürme boten Panoramablicke. „Vor sich erblickt man das liebliche Elbtal, Hamburg, Altona, Blankenese, Buxtehude; im Hintergrund sieht man die holsteinischen Berge, den Sachsenwald und Lauenburg, weiter rechts Winsen a. d. Luhe und bei klarem Wetter den Johannisturm von Lüneburg“ sicherte der Betreiber der „Majestätischen Aussicht“ ab 1889 denjenigen zu, die für 10 Pfennige seinen Turm bestiegen.

 

Aussichtsturm aus Holz im Wald

Der hölzerne Aussichtsturm der „Majestätischen Aussicht“ auf einer Postkarte.

 

Gipfelsturm und Waldpartie lockten die Massen

Der Andrang war groß. Besonders beliebt für Hamburger – Harburg war um 1900 noch eine selbstständige Stadt – war der jährliche Pfingst-Ausflug. Mit Schiffen und mit der Bahn reisten sie in Scharen an. Von den Bahnhöfen in Harburg und Hausbruch aus wurden die Gipfel der „Harburger Schweiz“ in Angriff genommen. Und wen der Durst – auch nach alkoholischen – überkam, fand Erleichterung an zahlreichen Bierständen direkt im Wald.

 

 

Bier- und Seltersbuden an den Wanderwegen versorgten die zahlreichen Ausflügler mit Erfrischungen – besonders wenn in den umliegenden Lokalen bereits alle Plätze belegt waren. 

 

Die Entstehung der Freizeit

Die historischen Fotos und Postkarten von den beliebten Ausfugsorten im Archiv des Stadtmuseums aus der Zeit um 1900 illustrieren einen für die damalige Zeit durchaus neuen Freizeittrend: den Sonntagsausflug. Er wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts populär und war eine Reaktion auf die im Zeichen der Industrialisierung zunehmende Verstädterung. Einen Urlaub – zeitgenössisch „Sommerfrische“ genannt – konnten sich die wenigsten leisten. 

 

gezeichnete Postkarte der Goldenen Wiege mit Gebäude, Gartenterrasse, Bierbude und vielen Ausflüglern

 

Die Postkarte der „Goldenen Wiege“ von 1902 bewirbt die „Sommerfrische inmitten der Harburger Waldungen“.

 

Die Sechstage-Woche mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 70 Stunden ließ bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kaum Zeit für Aktivitäten jenseits von Arbeit und Haushalt. Ein Absinken der Wochenarbeitszeit auf 50 Stunden und gestiegene Einkommen machten es Familien im frühen 20. Jahrhundert dann erstmals möglich, ihre „Freizeit“ zu nutzen und zu gestalten. Der „Sonntagsausflug“ in die Harburger Berge konnte jetzt stattfinden. In Sonntagskleidern zog die Familie hinaus in die unmittelbare Umgebung der Stadt; nach dem Spaziergang suchte man eine Gaststätte auf – die Dorfgasthöfe entwickelten sich jetzt mehr und mehr zu Ausflugslokalen. 

 

Die Mobilität wächst

An besonders frequentierten Orten – oft in der Nähe von Bahnhöfen – wurden neue Etablissements gegründet und ausgebaut. So auch in Hausbruch. Von der Eröffnung des dortigen Bahnhofs 1899 profitierte der Betreiber des „Hotels am Opferberg“, das mit seiner angeschlossenen Rodelbahn auch über eine besondere Winterattraktion verfügte. Als der Schnee 1914 ausblieb, ließ er per Bahn 10 Tonnen Schnee aus dem Harz heranschaffen und vom Bahnhof mit dem Pferdekarren zum Berg schaffen. Mag sein, dass ihn diese Aktion dazu veranlasste, über schneeloses Rodeln nachzudenken, jedenfalls konnte er schon bald mit seiner Sommerrodelbahn eine neue Kundschaft nach Neugraben locken.

 

Zeichnung auf der Rückseite des Notgeldes von 1921: Rodler befahren eine Schneebedeckte Piste, zwei stützen übereinander

Selbst auf dem Notgeld der Gemeinde von 1921 wird das Rodelvergnügen am Opferberg zum Motiv gemacht.

Sommerrodelbahn am Hügel mit vielen Rodlern und Zuschauern

Die Sommerrodelbahn am Opferberg war ein populärer Anziehungspunkt für Ausflügler.

 

Diese und weitere Geschichten lassen sich nun auf den „Kulturrouten-Harburg“ bei einem Spaziergang durch die „Haake“ oder die „Neugrabener Schweiz“ entdecken und erkunden.

 

Foto: Alle historischen Bilder und Postkarten stammen aus dem Archiv des Stadtmuseums Harburg. Majestätische Aussicht heute © AMH, Foto: Oliver Heß.

 


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