AMH 2.0 ARCHäOLOGIE

von am 17.06.2019 in AMH 2.0, Archäologie

 

Es ist wieder #ArchaeoSwap! 13 archäologische Museen aus ganz Deutschland tauschen in diesem Jahr zum mittlerweile dritten Mal ihre Online-Kanäle und treten in Kontakt mit dem Publikum eines anderen Hauses. Erstmals bespielen alle teilnehmenden Institutionen hierbei ein gemeinsames Thema: den Klimawandel.  

Für den ArchaeoSwap 2019 hat sich das AMH auch externe Verstärkung an Bord geholt. Dr. Sibylle Wolf, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironement an der  Universität Tübingen, Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie, hat sich für diesen Gast-Beitrag im AMH-Blog mit dem Klimawandel am Ende der letzten Eiszeit in Mitteleuropa auseinandergesetzt. Sie zeigt auf, wie die Archäologie vergangenen klimatischen Phasen auf die Spur kommt, welche Methoden Anwendung finden und welche Erkenntnisse die Wissenschaft hieraus bereits ziehen konnte.

 

von Dr. Sibylle Wolf, Universität Tübingen

Klimawandel am Ende der letzten Eiszeit in Mitteleuropa

 

Wir leben heute in einem Eiszeitalter, dem sogenannten Quartär, welches vor etwa 2,6 Mio. Jahren begann. Kalt- und Warmzeiten wechselten sich immer wieder ab, wobei die Kaltzeiten (Glaziale) immer sehr viel länger andauerten als die Warmzeiten (Interglaziale): die Kaltzeiten währten mindestens 100.000 Jahre und die Warmzeiten dauerten etwa 10.000 Jahre an. Eine Tatsache, die weniger im öffentlichen Bewusstsein ist, sind die Stadiale und Interstadiale. Dies sind Zeiträume von Klimaschwankungen während der Eiszeiten oder Warmzeiten, die kühler oder wärmer ausfallen als die durchschnittliche Temperatur; in diesen Phasen sind Vorstöße oder der Rückzug der Gletscher belegt. Die letzte Eiszeit war die Würm- oder Weichsel-Eiszeit, sie dauerte von etwa 115.000 Jahren bis 10.000 Jahren vor heute an gerechnet. Die Benennung dieser Eiszeit stammt von den kleinen Flüssen, bis zu welchen sich die Eisschilde der Alpenvergletscherung bzw. die Eismassen im Norden Europas vorgeschoben hatten; diese Gletscher waren nicht gleichmäßig stark, sondern tauten im Laufe der Jahrtausende ab oder wuchsen wieder an.

 

Die ersten anatomisch modernen Menschen wanderten vor etwa 45.000 Jahren während einer relativ milden Klimaphase nach Mitteleuropa ein. Sie zogen vermutlich am Fluss Donau entlang und suchten im Winter Höhlen auf. Hier seien beispielhaft die Höhlen-Fundplätze der Schwäbischen Alb angeführt, die von unseren Vorfahren besiedelt wurden. Diese Region blickt auf eine lange und intensive Forschungsgeschichte zurück und ist deswegen archäologisch sehr gut untersucht. Zudem ist in den Höhlen die Erhaltung für eiszeitliche Hinterlassenschaften vergleichsweise gut, so dass mit verschiedenen archäologischen Funden Klimarekonstruktionen durchgeführt werden können. Dies geschieht beispielsweise durch die Bestimmung von Tierknochen von Großsäugern, Kleinsäugern, Fischen oder Vögeln.

 

Anhand dieser Analysen kann geschlussfolgert werden, welche Tiere in welcher archäologischen Schicht vorkommen. Hier werden Tierarten erkannt, die an ein wärmeres oder an kälteres Klima angepasst waren. Ein Beispiel hierfür wären Knochen des Eisfuchses, der noch heute in der nördlichen Hemisphäre vorkommt und ein raues Klima während des entsprechenden Zeitabschnitts auf der Schwäbischen Alb belegt. Anhand von direkten Datierungen wie der Radiokohlenstoffmethode werden das Alter der Funde und somit auch der Schichtabfolgen in den Höhlen bestimmt. Eine weitere Methode zur Rekonstruktion des Klimas während der letzten Eiszeit ist die Geoarchäologie. Die Zusammensetzung der jeweiligen Böden der archäologischen Fundplätze kann mittels Dünnschliffen untersucht werden.

 

Gipsproben für Duennschliffe, Foto: Ch. Miller, Universitaet Tuebingen

Arbeitssituation bei einer Ausgrabung: eingegipste Sedimente, die nach ihrer Härtung herausgeschnitten und zur Weiterverarbeitung für den Dünnschliff ins Labor gebracht werden (Foto: Ch. Miller, Universität Tübingen)

 

Solche Dünnschliffe werden aus Gipsproben der entsprechenden eiszeitlichen Sedimente hergestellt, indem man die Gipsblöcke in nur wenige Millimeter dünne Scheiben sägt und aufbereitet, um sie unter dem Mikroskop zu analysieren. Nachweisbar sind zum Beispiel Kalksteine, die Frostsprengungen der Höhlenwände bei Frier- und Tau-Aktivitäten belegen. Die Anwesenheit von Löss und kalkhaltigem Material weist auf ein kaltes, trockenes Klima hin, während tonige Sedimente oder starke Phosphatierung Hinweise auf gemäßigt wärmere Phasen sind. Falls Pollen oder andere Pflanzenreste gefunden werden, können auch diese nach ihrer Auswertung, sprich der Bestimmung der jeweiligen Pflanzenarten, helfen, das Klima zu rekonstruieren. Hier gibt es Arten wie die Zwergbirke, die ein auf ein kühles Klima hinweisen oder die Haselnuss, welche wiederum Wachstum in einer Warmphase bedeuten.

 

Gebrannte Knochen und Kalksteine, Foto: Ch. Miller, Universitaet Tuebingen

Hohle Fels Hoehle, Dünnschliff der archäologischen Schicht II ef. Die dunklen Stellen sind gebrannte Knochen und die hellen Flecken Querschnitte von Kalksteinen (Foto: Ch. Miller, Universität Tübingen)

 

Im Laufe der Jahrtausende seit der Einwanderung unserer Vorfahren nach Europa, kühlte es sich in Mitteleuropa merklich ab, bis vor dem 2. Kältemaximum vor etwa 20.000 Jahren keine Menschen mehr die Schwäbische Alb dauerhaft bewohnten. Zumindest ist eine Besiedlung der Fundplätze zu dieser Zeit bislang nicht nachweisbar.

 

 

Literaturtipp: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg und Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Eberhard Karls Universität Tübingen (Hrsg.) 2009. Eiszeit – Kunst und Kultur. Begleitband zur Großen Landesausstellung Baden-Württemberg 2009. Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag.

 

 


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