AMH 2.0

von am 25.10.2017 in AMH 2.0

von Anais Wiedenhöfer, Volontärin Verbundprojekt SmartSquare

Draußen regnet es, Herbst, wir – eine Gruppe aus Nerds diverser Fachrichtungen: Kultur, Informatik, Medien, Technologie – lernen über diese „Virtual Reality“. Lange hat es gedauert, bis sie Realität wurde, dabei forschte bereits 1968 I. E. Sutherland zu 3D-Monitoren, die man sich direkt vor die Augen schnallen kann – nur wenige Jahre nachdem die ersten Computer mit Maus entwickelt wurden. So viel weiß ich jetzt.

Was allen Anwesenden schnell bewusst wird, ist, dass es keine weiteren 50 Jahre dauern wird, bis VR-Brillen den Einzug in jedermanns Wohnzimmer schaffen. Nach einem langen Schlaf holt die Technologie um den virtuellen Raum auf, wird quasi realer, immersiver und schon bald wird man mehr als 10 Minuten mit einer solchen Brille aushalten, ohne das die „Motion Sickness“ einsetzt: Die Seekrankheit für das Pixelmeer wird Schritt für Schritt geheilt.

 

 

Doch was bedeutet das für Kultureinrichtungen?

Schweigen in der Gruppe. JedeR Anwesende ist sich sicher: So lange es uns gibt, wird es Museen und Theater geben. War ja bis jetzt immer so! Es wird wie immer laut und besorgt über den technologischen Fortschritt diskutiert, aber die Leute kaufen nach wie vor Bücher und gehen ins Kino. Aber ist das so? Wie werden das die Generationen empfinden, die gerade auf die Welt kommen?

Denken wir an ein konkretes Beispiel:  Ich besuche für drei Tage Paris. Das Programm ist stramm getaktet und dann hat keiner daran gedacht, die Karten für den Louvre im Voraus zu buchen – eine 500 Meter lange Schlage, und als würde das nicht reichen, jedeR einzelne davon wird die Mona Lisa besuchen wollen. Das bedeutet ca. 40 Sekunden Zeit, Leonardo da Vincis Werk aus der Nähe zu betrachten, bevor man weiter geschoben wird. Wie viele werden diese Option noch wählen, wenn sie gemütlich abends im Hotelzimmer die VR-Brille überziehen können und ganz alleine oder vielleicht als Familie durch die Hallen des Louvre flanieren können?

Die laufende Blogparade #theaterimnetz der Kulturfritzen beruft sich mit einem Augenzwinkern auf Luthers‘ Disputatio von vor 500 Jahren um ähnlich wie er eine öffentliche Diskussion anzuregen.  Grundlage dafür sind die 95 Thesen zu #TheaterimNetz , die für die Konferenz  „Theater und Netz Vol. 5“ erarbeitet wurden. These 2 aus 95 besagt: VR wird das Theater ablösen. Dazu kann direkt angeschlossen werden: VR wird das Museum ablösen.

Ich sage: Jein.

Es liegt an den kulturellen Einrichtungen, die Chancen der neuen Technologien zu erkennen, anstatt in einen Konkurrenzkampf überzugehen.

Eine ganz bedeutende Verbesserung, die durch digitale Angebote geschaffen werden kann, ist die Möglichkeit des Barrieren-Abbaus: Zum einen lässt sich nicht verneinen, dass Kultur fast immer etwas (mehr) kostet. Möchte man ein größeres Theater oder Museum besuchen – vor allem als Familie – muss man bereit sein, eine kleine Investition zu tätigen. Eine Möglichkeit kann sein, auf günstigere Sitzplätze zurückzugreifen oder auf einen 2-für-3-Groupon zu hoffen. Und wer schon einmal bei einem zweistündigen Ballett auf dem dritten Rang ganz links saß, weiß, dass man viel Vorstellungskraft und Rückenwohl benötigt, um das Stück zu genießen. Genauso fühlt man sich, wenn weitere 50 Kleingruppen den Deal des Tages wahrgenommen haben, um z.B. in den Louvre zu gehen. Ob man dann noch ein zweites Mal geht? Fraglich. Was aber, wenn ich zum gleichen Preis den Blick auf dem Parkett zu Hause erleben oder alleine durch ein Museum laufen kann?

Außerdem müsste ich mich nicht mehr in Schale werfen, sondern könnte in Jogginghose bei einer Pizza auf dem Sofa die Zauberflöte verfolgen. Es lässt sich ebenfalls nicht verneinen, dass der Gang ins Theater, der Oper oder in ein Museum nach wie vor als etwas elitäres angesehen wird. Vielleicht öffnet der „inkognito“-Besuch die Türen für diejenigen, die sich sonst nicht trauen?

Viele Fragen, die man sich stellen sollte. Bei der sich wandelnden Gesellschaft, die immer mobiler und flexibler wird – oder werden muss – liegt bestimmt auch ein Potenzial im Bereich „Kultur on Demand“. Man stelle sich ein Paar 2030 vor: Sie in Hamburg, er in Tokio, viel zu lange haben sie sich nicht gesehen und möchten gerne wieder etwas gemeinsam unternehmen. Warum nicht zusammen die Dreigroschenoper in Berlin besuchen? Zack – Brille auf, die inzwischen kaum mehr spürbar und stylisch auf der Nase sitzt, und los geht‘s.

Ob das das gleiche ist? Sicher nicht. Aber vor 50 Jahren hätte sich auch keiner träumen lassen, dass man 24/7 unbekannten Menschen beim Leben auf Instagram zusehen kann und das auch noch von unterwegs. Verrückt, diese Welt!

 

 


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