AMH 2.0

von am 09.10.2017 in AMH 2.0

Dr. Barbara Volkwein aka @ucation hat uns gestern einen wunderbaren Gastbeitrag zu #KultBlick zugesandt.

 

Mein Blick auf die Kultur hat sich in dem Moment gewandelt, als ich von der rezeptiven auf die ausführende Seite gewechselt bin. Das war ein schleichender Prozess, denn ich hatte mein Hobby, meine Liebe zur Musik, mehr und mehr zu meinem Beruf gemacht. Dies zunächst freiberuflich als Rezensentin von Konzerten und neuen Tonträgern bis hin zur Managerin und Programmgestalterin von freien Kulturangeboten, später dann als Musikvermittlerin und Konzertdramaturgin an verschiedenen großen Orchestern und Konzerthäusern. Dies hat meinen Blick fokussiert auf den Bereich der klassischen Musik, andere Künste jedoch sind etwas aus dem Blickfeld geraten. Um das Konzertwesen voran zu bringen, habe ich verstärkt Musik vermittelnd im digitalen Raum gearbeitet und dabei hat die Museumskultur endlich wieder meinen Weg gekreuzt, dann die Literatur, usw.. Diese virale Treffen der Kulturen haben meinen Blick erweitert, ich konnte plötzlich, trotz meines knappen Zeitbudgets, wieder teilhaben an anderen Künsten und allmählich auch wieder mitreden, endlich auch die anderen Künste einladen, an meiner Kulturwelt teilzuhaben. Das ist für mich von unschätzbarem Wert. Dabei sehe ich jedoch auch das Inflationäre, wenn Menschen diesen Raum des Austausches missbrauchen, um einzig mehr Tickets zu verkaufen und das Inhaltliche hintan stellen. Summa summarum ist für mich die Welt der Kultur durch tollen Content in den sozialen Netzwerken um ein Vielfaches größer geworden. Es hat mich gereizt, wieder stärker im allgemeinen Kulturleben einzusteigen und das Angebot ist einfach überwältigend und schön.

Mit dieser Entwicklung bin ich auch zurück auf meine ursprüngliche Rezeptionsweise gekommen: ich kann mich wieder viel intuitiver, persönlicher in der Kulturwelt bewegen, weil mir Kultur so direkt, so nah angeboten wird – nenn ich es mal: niederschwellig, mit leichtem Zugang zu allen kulturellen Disziplinen. Damit schließt sich für mich ein Kreis hin zu meiner Kindheit: ich fand es toll, partizipieren zu können und es war mit zeitlebens ein Anliegen, Kultur möglichst für alle zugänglich zu machen – da spielt der Umgang und die Präsenz der Kultur im digitalen Raum eine große Rolle.

Über diese Entwicklung hinaus halte ich es für unabdingbar, dass die Darbietung der Künste es schafft, die Menschen im Hier und Jetzt abzuholen – das kann auf vielerlei Weise geschehen, zum Beispiel die Idee einer Oper weiter zu transformieren und sich aktueller Darstellungsmittel zu bedienen:
Ein Schlüsselerlebnis hatte ich bei Kay Voges Inszenierung von Wagners Oper „Tannhäuser“ an der Oper Dortmund in 2015. Voges hat mit einer durchgängigen Videoinstallation eine Ebene eingeführt, die den Zuschauer durch ein Video auf etwas anderes intensiver schauen lässt und hat zudem die kurzen Augenblicke, das schnelle Vorüberziehen der Zeit angehalten, in dem er die Zeit mittels Video einfach gedehnt hat. Hier ein Paar Ausschnitte, die vorab auf Youtube zu sehen waren:

Die Proben

Die Inszenierung

Ich konnte mit diesen Videos so dicht im Geschehen sein und noch viel dichter an der Musik. Das hat mir ermöglicht, Wagners Musik anders wahrzunehmen. Menschen, die auch im traditionellen Kulturbetrieb Experimente wagen, denen gehört mein Herz und ich bin jederzeit bereit, so etwas zu unterstützen und dafür zu werben. Deshalb bin ich auch persönlich Fan von Johann Sebastian Bach und von Richard Strauss – einfach großartig, was sie ihrerzeit musikalisch gezaubert haben.

Am genannten Beispiel schätze ich, dass ich mich im Vorfeld umfänglich im Netz informieren konnte, dass ich verstehen konnte, was da kommt – es war eine Entscheidungshilfe. Ich wünschte mir, alle Kulturinstitutionen wären so aufgeschlossen und würden sich dem Digitalen mit intelligenten Konzepten (und damit auch mit gezielten Stellendeputaten) zuwenden.
Wenn es dann noch erlaubt wäre, als Besucherin das ein oder andere digital zu zitieren, ich würde mir noch mehr anschauen und als Kulturbotschafterin fungieren.

Dr. Barbara Volkwein


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