AMH 2.0

von am 21.10.2017 in AMH 2.0

Ein Gastartikel von Susanne Heck (H:Artland e.V.)

Was empfindest Du, wenn Du Dich auf Kunst und Kultur einlässt? Was ist Dir dabei wichtig?“, fragen Katrin Schröder vom Archäologischen Museum Hamburg und Tanja Praske von KULTUR-MUSEUM-TALK.  Anlässlich der Blogparade #KultBlick setze ich mich – nicht zum ersten Mal- hin und denke darüber nach, was Kunst und Kultur für mich bedeutet.

 

Kunst ist Kommunikation

Ein Satz schießt mir unmittelbar durch den Kopf. „Kultur ist für mich das, was uns zusammen hält.“ Als Gemeinschaft, aber auch die einzelne Person. Das Leben hält viele Herausforderungen für uns bereit und jeder kommt damit auf seine Weise zurecht. Woran der eine Mensch zerbricht, daran wächst ein anderer – oder umgekehrt. Wenn ich an die manchmal turbulenten Zeiten meines Lebens zurückdenke und mich erinnere, dann war das, was mich – neben Familie, Freunden und anderen lieben Menschen- in diesen Phasen zusammengehalten hat, ein wichtiger Teil der Kultur: Die Kunst. Ob es sich dabei um Tanz, Theater, Literatur, Malerei oder Musik handelte, war von Phase und Möglichkeiten abhängig. Wenn ich diesen Artikel zum Anlass nehme, darüber nachzudenken, warum das so ist, komme ich zu dem Ergebnis, es liegt daran, dass ich in der Kunst meine zu erkennen, dass der Mensch ein immanentes Bedürfnis nach Verständigung hat. Kunst ist somit der hoffnungsvolle Versuch einer Kommunikation mit Aussicht auf verstehen und verstanden werden und damit nach Gemeinschaft. Ein Künstler möchte mir und sich selbst mit seiner Kunst etwas mitteilen. Der Künstler glaubt an die Möglichkeit der Verständigung. Und als der, der sich dieser Kunst zuwendet, möchte auch ich verstehen. Den Künstler, aber ein stückweit immer auch mich selbst. Kunst als Kommunikation ist damit auch im gewissen Sinne eine Kampfansage an die Einsamkeit. Ich finde, in dieser Annahme liegt etwas ungemein Tröstendes.

 

Kunst überwindet Grenzen

Kunst als Kommunikationsmittel ist für mich auch deshalb so einzigartig, weil sie Barrieren überwindet. Sprachen, Grenzen, Religion, Geschlechter, Zeit. Da, wo andere Formen der Kommunikation stehen bleiben, geht sie weiter. Wir sprechen oft vom Kulturraum und meinen damit die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gemeinschaft. Dabei ist gerade die Kunst -als ein Teil der Kultur- einer der Räume, die das problemlose ein- und austreten ermöglichen. Ein Monet Gemälde spricht eben grundsätzlich alle Menschen an, es können sich Moslems, Juden, Christen, Atheisten und Agnostiker gleichermaßen daran erfreuen, ob Frauen, Männer, alte oder junge Menschen. Die Liste des scheinbar Trennenden ließe sich endlos weiterführen. In der gemeinsamen Beschäftigung mit Kunst liegt plötzlich etwas Gemeinsames.

 

Kunst ist zeitlos

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch, warum die Zerstörung von Kunst so ein gewaltiges und brutales Kriegsmittel darstellt. Sie ist der Versuch, eine Gemeinschaft und ihre Kultur zum Schweigen zu bringen. Nicht nur in der Gegenwart sollen sie verstummen, auch ihre identitätsstiftende Vergangenheit soll zum Schweigen gebracht werden und damit die Kunst- und Kulturgüter, die für diese Gemeinschaft sprechen können in einer universellen Sprache, die es auch Menschen noch 1000 Jahre später ermöglichen könnte, etwas davon zu verstehen, was diese Menschen einst bewegt hat.

Dank moderner Technik können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch Filme und Fotos der Buddha-Statuen von Bamiyan sehen, der bis zu ihrer Zerstörung größten stehenden Buddha-Statuen der Welt. Sicher, verglichen mit dem Erlebnis und der inneren Ansprache, wenn ein Mensch direkt und persönlich vor dieser einzigartigen buddhistischen Kunst steht, mag das Betrachten eines Fotos so sein, als wenn man eine Aufnahme in mono mit Kassettenrekorderlautsprecher hört, anstatt einem Orchester live in einem extra dafür erbauten Konzerthaus zu lauschen. Aber immerhin eine Idee davon, was diese Menschen erschaffen haben, bleibt erhalten. Das mag nur ein kleiner Trost sein (bis die Statuen vielleicht eines Tages wieder aufgebaut und restauriert werden können), aber verglichen zum unwiderruflichen Schicksal des Verschwindens ist eine digitale Betrachtungsmöglichkeit wenigstens etwas.

 

Kunst- und Kultur als Teil des Menschseins

Es fällt schwer, über den Schutz von Kunst- und Kulturgütern zu sprechen, denn es ist klar, so lange in Kriegen Menschen sterben, gilt es zuerst, diesen Menschen zu helfen. Ihr Schicksal ist dringlicher und unmittelbarer. Begreifen wir aber Kunst und Kultur als Teil des Menschseins, wird es uns besser gelingen, parallel AUCH über den Schutz dieses Teils zu sprechen und gemeinsam Wege zu suchen, um die universelle Sprache der Menschheit besser zu bewahren.

Um zu verstehen, wie wichtig unter dem Gesichtspunkt der Archivierung auch die Digitalisierung ist, muss ich aber gar nicht solche Extrembeispiele mutwilliger Zerstörung oder strategischen Raubs in Kriegsgebieten bemühen. Es reicht auch der Blick in die unmittelbare Umgebung hier bei uns in Deutschland. So zeigt beispielsweise der verheerende Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek im September 2004, der neben einem großen Teil der historischen Bausubstanz und Werken der bildenden Kunst vor allem kulturgeschichtlich einmalige Buchbestände vernichtete, welche reelle Bedeutung Digitalisierung haben kann. Auch der Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009, bei der jahrhundertealte Archivalien zerstört wurden, ist ein trauriges Beispiel.

Brückenbau nach Monet in einem Garten in Tirol

Brückenbau nach Monet in einem Garten in Tirol

 

Digitalisierung hilft bei der Bewahrung des Kulturellen Erbes

Wenn ich von solchem unwiederbringlichen Verlust von Kunst- und Kulturgütern höre, bin ich natürlich betroffen. Die Betroffenheit bleibt aber auch ein stückweise theoretisch, abstrakt, da ich persönlich bis heute noch nie etwas aus dem Kölner Stadtarchiv gebraucht habe und vermutlich auch nicht brauchen werde. Konkret wird dieser Verlust aber für Menschen, sobald sie aus unterschiedlichen Gründen auf solche Archive zurückgreifen wollen. Als mich in diesem Sommer eine Freundin aus Madrid für zwei Wochen besuchte, um für ihre Promotion in diversen Archiven Münchens nach speziellen Plänen zu forschen, berichtete sie mit nach einem mühsamen Tag darüber, einen weiteren Tag dort verbringen zu müssen, um das umfangreiche Material zu sichten. Und mit einem sarkastischen Grinsen fügte sie hinzu: Naja, andererseits, im Kölner Stadtarchiv hab ich nicht lange gebraucht. „Warum nicht“ fragte ich sie unüberlegt, ohne an den Einsturz zu denken, „sind die so gut sortiert?“. Ihr Antwort folgte prompt, kurz und schmerzhaft: „Nein. Es ist nichts mehr da.“

 

Digitalisierung ermöglicht Teilhabe am kulturellen Erbe

Digitalisierung ist aber nicht nur wichtig aus Gründen der Archivierung. Um bei dem Beispiel meiner Freundin zu bleiben. Obwohl sie täglich bis zu zwölf Stunden für das erforderliche Material forschte, sortiere, abzeichnete (Fotos und Fotokopien sind in vielen Fällen verboten), war sie über vier Wochen in Deutschland. Sie hat zwei kleine Kinder, die ihre Mama schrecklich vermissten. Und ihr dies auch zeigten, in dem sie wahlweise am Telefon weinten oder sogar das Gespräch mit ihr komplett verweigerten, was wiederum meiner Freundin die Tränen in die Augen trieb. Auch im wissenschaftlichen Betrieb müssen Menschen teilweise viel auf sich nehmen, um an die Informationen zu kommen, die sie für ihre Forschung brauchen. Wie viel einfacher und vermutlich auch dem Ergebnis ihrer Forschung zuträglicher wäre es, wenn man am Tisch sitzend einfach eingeben könnte, was man braucht und die Pläne. Bilder, etc. digital zur Verfügung stünden.

Ich bin aus dem Grund natürlich jedes Mal aufrichtig erfreut, wenn ich von Bestrebungen und ernsthaften Anstrengungen erfahre, die sich dieser Problematik annehmen und etwas in dieser Richtung bewegen und vorantreiben. Es erfüllte mich daher regelrecht mit Begeisterung, als ich durch eine instagram story (! – ja, digitale Kulturvermittlung funktioniert wirklich) von Anke von Heyl (@kulturtussi) und Anne Aschenbrenner (eine der beiden @kulturfritzen) von europeana erfuhr. Dabei handelt es sich um eine Initiative, die in „Zusammenarbeit mit tausenden europäischen Archiven, Bibliotheken und Museen gemeinsam das kulturelle Erbe im Interesse von Kunstgenuss, Bildung und Forschung nutzen und auf diese Weise derzeit bereits Zugang zu mehr als 50 Millionen Objekten in digitalisierter Form – Büchern, Musik, Kunstwerken und mehr – bieten“, wie man auf der Website lesen kann.

Wie man an solch wunderbaren Initiativen sehen kann, ist schon manches passiert. Aber lange nicht genug. Wir müssen uns noch viel mehr anstrengen als bisher. Auch eine Blogparade wie diese trägt dazu bei, indem sie uns allen wieder einmal vor Augen führt, wie wichtig Kultur für uns Menschen ist. Er zeigt uns auch, dass ein #KultBlick ebenso vielseitig und facettenreich sein kann wie die Kultur, auf die wir damit blicken.

 

Autorin: Susanne Heck
Susanne Heck studierte  Politische Wissenschaften und arbeitet seit 2011 in verschiedenen kulturellen Einrichtungen. Seit 2014 ist sie außerdem ehrenamtlich als Vorstandsvorsitzende für den Verein H:Artland e.V. tätig. Sie lebt und arbeitet überwiegend in München, ist aber häufig und gerne auch in Österreich unterwegs.


Kommentare

5 Antworten zu “#Kultblick Kommunikation”

  1. Damian Kaufmann | Zeilenabstand.net

    Was ich bei der Digitalisierung von Kulturgütern in Deutschland am erschreckendsten finde, ist die Tatsache, das es nicht unbedingt der fehlende Wille und magelndes Know-how die größten Hindernisse sind, sondern juristisch und somit letztlich auch politische Hemmschwellen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die lange juristische Auseinandersetzung, die die Reiss-Engelhorn-Museen aus Mannheim gegen Wikimedia führen wegen einiger angeblich nicht gemeinfreier Werke. Oder welche Hürden die Lehre an Universitäten zu überwinden hat, um Kopien als Lehrmaterial zu nutzen. Es ist zum Teil skurril, was die deutsche Jurisdiktion da für Kapriolen schlägt.

    Antworten
  2. Tanja Praske

    Liebe Susanne,

    wie wunderbar, dass du unserem Ruf gefolgt bist. Immerhin trafen wir uns kurz auf #musmuc17 – das nächste Mal dann auf einen Café mit etwas mehr Zeit. Ich weiß, da war und ist unser Problem: Zeit.

    Du sprichst hier viele richtige und wichtige Aspekte an. Vor allem, was Kultur bedeutet und bewirkt, als verbindenes, vermittelndes und zeitloses Element. Und trotzdem muss das geschützt werden, ein Mittel dazu ist die Digitalisierung. Sie schützt nicht nur, sondern hilft auch Wissenschaftlerinnen mit Kids. Meine Mini ist zwar schon 8, aber in einem Alter, in dem sie ihre Mutter noch immer sehr braucht und unter Tränen mich auf Tagungen und Co gehen lässt. Aber hier steuere ich entgegen und nehme nicht alles an. Als Wissenschaftlerin schätze ich den Zugriff von zu Hause, wenngleich ich gerne in Archivalien wühle, den Duft genieße und den Anblick der Objekte sehr schätze.

    Also, merci dir!
    Herzlich,
    Tanja

    Antworten
  3. Susanne Heck

    Liebe Tanja,

    Dir vielen Dank für diese Blogparade und die Arbeit, die Du Dir gemacht hast. Wie man an den zahlreichen guten Beiträgen sehen kann, haben Sich die Mühen gelohnt. Ich würde mich sehr freuen, wenn es einmal zeitlich hinhaut mit einem persönlichen Gespräch, bis dahin lese ich fleißig weiter an den #KultBlick en, die wir dank Dir und Katrin erfahren können.

    Herzlichst
    Susanne

    Antworten
  4. Susanne Heck

    Hallo Damian,

    es ist in der Tat oft mehr als ärgerlich, wie schwierig manches sich gestaltet. Man muss sich allerdings immer vor Augen halten, dass viele Gesetze zu einer Zeit entstanden sind, in der das Internet nicht mal in Gedanken existierte. Es braucht einfach seine Zeit, neue Regelungen zu finden. Insbesondere in einer pluralistischen Gesellschaft ist es ein schwieriger und langwieriger Prozess, eine Lösung zu finden, die alle Interessen berücksichtigt. Wenn ich daran denke, wie einfach es vergleichsweise ist, sich mit einer Person zum Essen zu verabreden und wie kompliziert es bei mit schon wird, sich mit sechs Leuten auf Ort und Zeit zu einigen, dann wird mir schnell klar, wie anspruchsvoll eine Weiterentwicklung unserer Gesetzgebung hinsichtlich der Digitalisierung ist. Wir leben in einer Übergangszeit und das erfordert viel Nerven und Geduld von uns allen. Auch ich bringe diese leider nicht immer auf, insofern verstehe ich Dich vollkommen 🙂

    Vielen Dank für Deinen Kommentar,
    Susanne

    Antworten

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