ARCHäOLOGIE AUSGRABUNG

von am 12.10.2015 in Archäologie, Ausgrabung

Von links nach rechts; der Hamburger Grabungsleiter Matthias Lindemann, Ingo Clausen Gutachter vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein, Projektleiter der DB Stephan Albrecht © Stephan Hecht, DB Netz AG

 

In der Archäologie stellt jeder Fundplatz ein weiteres, wertvolles Teil des Puzzles unserer Geschichte dar. Sorgsam wird gegraben, gesiebt, vermessen, dokumentiert und inventarisiert, damit auch nicht das kleinste Krümelchen unseres gemeinsamen Kulturerbes unter den Tisch fällt. Einige Fundplätze ragen in ihrer Bedeutung und Geschichte allerdings deutlich heraus und zu diesen gehören sicherlich jene des Stellmoorer Tunneltales. 

In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts konnte der Hamburger Archäologe Alfred Rust (1900 – 1983) mit seinen hier gemachten Funden eine Diskussion beenden, die seiner Zeit noch einige Gemüter erhitzt hatte: Die archäologischen Untersuchungen von Rust im Tunneltal erbrachten den Nachweis, dass Menschen am Ende der letzten Eiszeit in Nordeuropa gelebt hatten – das Tunneltal offenbarte sich als Schauplatz hochspezialisierter spätpaläolithischer Rentierjagd.

Das Tunneltal im Norden von Hamburg war geprägt von zahlreichen Seen und die hier auf ihren Wanderungen durchziehenden Rentierherden mussten das Tal über die Engstellen zwischen diesen Gewässern durchqueren. Dies nutzten bereits Jäger der Hamburger Kultur vor über 13.000 Jahren jährlich im Herbst für die Jagd auf diese Tiere, wahrscheinlich mit Speer und Speerschleuder.

Zwischen 11.000 – 9.700 v. Chr. entdeckten Jäger der Ahrensburger Kultur das Areal ebenfalls für sich. Aus dieser Zeit ist die Jagd auf Rentiere mit Pfeil und Bogen belegt. Die Ablagerungen in den heute verlandeten eizeitlichen Seen bewahrten aus dieser Zeit nicht nur die ältesten erhaltenen Pfeile der Menschheitsgeschichte, sondern in hoher Zahl auch Geweih und Knochen der Beutetiere. Unter diesen fand sich mit dem Stab von Poggenwisch, einem etwa 16 cm langen ornamental verzierten Stück Geweih, auch der älteste Nachweis nordeuropäischer Kunst.

Auf den entlang des Tunneltales liegenden Anhöhen hatten die Jäger immer wieder ihre Lagerplätze aufgeschlagen. Von diesen zeugen noch tausende Feuersteinartefakte, die sich als einzige archäologische Relikte in dem Mineralboden erhalten haben.Das Tunneltal hat so gleichermaßen elementare Erkenntnisse generiert wie außergewöhnliche Funde preisgegeben.

Flintabschläge

 

Daher verfolgen wir zurzeit mit Spannung die von der Deutschen Bahn in Auftrag gegebenen archäologischen Voruntersuchungen, die genau dort stattfinden. Sie sind Bestandteil einer Umweltverträglichkeitsstudie, die gemeinsam mit Natur- und Lärmschutzuntersuchungen in die Planung der neuen Strecke der Linie S 4 nach Bad Oldesloe eingehen wird. Da diese sowohl durch Hamburg als auch Schleswig-Holstein verläuft, sind die Bodendenkmalpflegebehörden beider Bundesländer mit Teams vor Ort.

Auf Hamburger Seite hatte Grabungsleiter Matthias Lindemann im April mit den Auswertungen der Altakten begonnen, auf deren Basis er dann im August die dreimonatige Voruntersuchung eingeleitet hatte. Mit kleinen, stichprobenartigen Sondagegrabungen und Bohrungen wird das Gelände untersucht. So soll ein Überblick über die Maßnahmen geschaffen werden, die aus archäologischer Sicht erforderlich sind, bevor hier gebaut werden darf. Es konnten bereits Flintabschläge und -werkzeuge als Anzeiger späteiszeitlicher Lagerplätze geborgen werden. Keramik aus zwei Siedlungsstellen der vorrömischen Eisenzeit belegen eine Nutzung dieser Region auch in jüngeren Epochen.

Die Proben der Bohrungen werden derzeit DSC01600

 

noch geschlämmt, hier stehen die Resultate also noch aus. Die Ergebnisse beider archäologischer Voruntersuchungen werden im Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein zusammen geführt und in das Planungsverfahren der Deutschen Bahn einbezogen. Erst mit der konkreten Planung der Bahn wird sich herausstellen, welche Bereiche und Denkmäler vom Streckenbau betroffen sein werden. Wann genau dann die Hauptuntersuchungen stattfinden würden ist noch ungewiss, doch die Deutsche Bahn plant mit einem Baubeginn in drei bis fünf Jahren –in diesem Zeitrahmen würden also auch weiterführende Maßnahmen fallen.

 

Doch wie auch immer weiter verfahren wird, fest steht schon jetzt: Das Bild des Tunneltals gewinnt schon durch die Voruntersuchungen an Schärfe dazu!


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