Es ist ein fiktiver Tag vor 18.000 Jahren.

Der Blick geht aus von jener Stelle in einer kargen, unwirtlichen Landschaft, wo heute das Archäologische Museum Hamburg im Süden der Elbmetropole steht. Der Blick schweift in verschiedene Himmelsrichtungen, wo nach Norden, Westen und Süden leichte Steigungen zu erkennen sind. Um mehr von der Landschaft zu sehen, führt der Weg in Richtung NNW – etwa 1 km – hinauf auf den »Gipfel« des Schwarzenbergs mit 34 m Höhe über dem Meeresspiegel. Auf der kurzen Distanz sind 21 Höhenmeter überwunden worden. Angenommen, es ist sommerliches Hochdruckwetter mit guter Fernsicht – der Betrachter wäre begeistert und fasziniert zugleich von der Weite der Landschaft. Der Blick hinaus geht über das unmittelbar am Fuße des Schwarzenbergs sich auf fast 10 km ausbreitende Urstromtal mit den zahlreichen mäandrierenden Flussarmen der Ur-Elbe, die in diesem Flussabschnitt etliche kleine Inseln ausbildet, und in der Ferne über den Nordrand des Urstromtals hinweg über die karge, fast vegetationslose Landschaft, über die sich heute die Millionenstadt Hamburg ausdehnt. Am nördlichen und nordöstlichen Horizont ist das weiße Band der Gletscherfront des nordischen Inlandeises zu erkennen, eines Eispanzers, der sich über mehrere tausend Kilometer bis weit in das Nordmeer hinein erstreckte und im Bereich der heutigen nördlichen Ostsee eine Mächtigkeit von mehr als 2.500 m erreicht hatte.

Schematische Darstellung der glazialen Serie für die Zeit vor 18.000 Jahren

 

Damals, während des Höhepunktes und damit weitesten Eisvorstoßes der Weichsel-Kaltzeit, waren die Harburger Berge eine baumlose, überwiegend von Flechten und Moosen und einigen an subpolares Klima angepassten Blütenpflanzen besiedelte Moränenlandschaft mit einer diffusen Vegetationsdecke. Damit gaben sie das typische Bild einer subpolaren Tundrenlandschaft ab, wie sie heute für Nordskandinavien, Island oder den Norden Kanadas, Teile Alaskas und Sibiriens typisch ist. Was sich für die Region Hamburg nördlich und südlich der Elbe beschreiben lässt, kann auf weite Teile Norddeutschlands übertragen werden, denn das Norddeutsche Tiefland ist während des Pleistozäns wiederholt weiträumig vergletschert gewesen.

Mit steigender Temperatur zu Beginn einer Warmzeit eroberte sich die Vegetation nach und nach ihren Lebensraum zurück, den sie Jahrtausende zuvor durch den Rückgang der Temperaturen verloren hatte. Im Zusammenhang mit den Klimaschwankungen und Klimaveränderungen vollzog sich also aber nicht nur ein Wandel der ökologischen Systeme mit typischer Flora und Fauna, sondern auch ein Wandel im Landschaftsbild insgesamt, das auch durch das Relief geprägt wird. So wurden vor allem über Flussnetze Sedimente umgelagert. Erst als die Wälder die Landschaften erfasst und damit Boden und Lockersediment an Ort und Stelle stabilisiert hatten, wurde das Relief gewissenmaßen fixiert. Die vielen Grundmoränenseen und Toteisseen, die in den Moränenlandschaften zurückgeblieben waren, begannen zum Teil zu verlanden und mitunter komplett zu vermooren.

Das Relief wurde durch all diese Vorgänge gewissenmaßen modelliert, denn das Bestreben der Natur geht dahin, letztlich einen kompletten Ausgleich zu schaffen, was aufgrund der anhaltenden komplexen Dynamik der endogenen (= innenbürtigen) und exogenen (= außenbürtigen) Kräfte und Prozesse jedoch de facto nie erfolgt. Man kann sich aber sehr gut vorstellen, dass die vor allem auch der Schwerkraft folgenden abtragenden Kräfte so lange wirksam sind, wie es Reliefunterschiede gibt.

 

Schematische Darstellung der glazialen Landschaft für die Gegenwart

 

Bis heute hat sich dann eine vielgestaltige Kulturlandschaft entwickelt, die sich seit der Jungsteinzeit durch den Einfluss des Menschen verändert hat. Doch erst mit Beginn der älteren Rodeperiode (500–800 n. Chr.) begann der nacheiszeitliche Wald wieder weiträumig zu weichen. Es entstand über die Jahrhunderte hinweg eine Landschaft, die je nach Bodenbeschaffenheit vielgestaltig genutzt und inzwischen auch immer dichter besiedelt wird.

Die verschiedenen – aufgrund ihrer geologischen Entwicklung spezifisch geprägten – Landschaftseinheiten bilden heute jeweils eigene Mosaiksteine einer warmzeitlich und anthropogen geprägten Landschaft.

 

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