Antike vs. Eiszeit Teil III – Venus vs. Venus

Im nächsten Teil meiner Betrachtung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Eiszeit und Antike geht es heute um das schöne Geschlecht, Ästhetik und ein bisschen um Chauvinismus.

#EiszeitenHH Comic

Ach, edle Einfalt, stille Größe… wie wir doch über die Kunst der Antike staunen, der Wiege der Zivilisation. Völlig zu Recht natürlich. Dennoch gab es schon ein paar Jahrtausende früher großartige Skulpturen. Die sogenannten „Venusstatuetten“ der letzten Eiszeit waren zwar wesentlich kleiner als so manche Marmor-Aphrodite, aber dennoch bemerkenswert. Die Kunstfertigkeit dahinter muss enorm gewesen sein.

Auf den ersten Blick sind die Eiszeit-Damen kleine dicke Frauen mit großem Busen und Gesäß. Dass das was zu bedeuten hat, ist irgendwie klar. Dazu später mehr. Die klassisch-antike Venusfigur hingegen ist eine hübsche junge – oft wenig bekleidete – Dame, deren Körper nicht übertrieben, sondern realistisch dargestellt ist, inklusive kleiner Speckfältchen hier und da. Das hat auch was zu bedeuten. Meistens, dass es sich um die Göttin der Schönheit und Liebe handelt, die gerade beim Baden erwischt wurde.

Heißt das jetzt, die antiken Damen sind besser als die kleinen Eiszeitlerinnen? Keineswegs! Sie sehen zwar nicht so realistisch aus, wie ihre jüngeren Marmor-Verwandten, aber gerade das macht sie so faszinierend. Sie erinnern eher an moderne als an prähistorische Kunst. Was einem gewissermaßen sofort ins Auge springt ist die sehr betonte Körperform: Brust, Bauch und Hintern sind oft übertrieben voluminös dargestellt. Das bedeutet sicher nicht, dass die Frauen des Gravettien alle unter Übergewicht litten, sondern eher, dass sich hier eine Art Schönheitsideal verbirgt – wie bei der antiken Venus – oder die durch Schwangerschaft dargestellte Fruchtbarkeit verherrlicht wird.

Zwei Sachen sollen besondere Erwähnung finden: zum einen waren viele eiszeitliche Kunstwerke mit Ösen versehen – so auch die älteste, die „Venus vom Hohle Fels“, die statt einem Kopf eine Öse besitzt – damit sie offensichtlich irgendwo aufgehängt werden konnten. Dazu fallen mir die in Massenware produzierten Votivgaben der klassischen Antike ein, die der geneigte Gläubige in jedem Heiligtum kaufen konnte: kleine Figürchen, meist von Opfertieren, die der Gottheit des Tempels geopfert werden oder (wenn ich mich recht erinnere) zum Teil auch in Bäumen und Sträuchern in der Nähe aufgehängt werden konnten.

Die zweite Sache betrifft die Haptik. Ich hatte das Glück, eine authentisch nachgebildete Replik einer kleinen Dame aus Mammutelfenbein in die Hand nehmen zu dürfen. Die Oberfläche ist weich und glatt und die übertriebenen Rundungen sorgen für ein sehr angenehmes taktiles Erlebnis (ich habe hier bewusst auf meine Wortwahl geachtet, damit es nicht heißt, Bent grapscht nackte Eiszeitfrauen an!). Was ich damit sagen will: die Figuren wurden sicherlich auch zum Anfassen gemacht – was auch immer das genau bedeutet. Die antiken Venus-Statuen wurden nicht angefasst. Obwohl das laut zeitgenössischen Autoren der eine oder andere Lüstling versucht hat.

Euer feindlicher Klarchologe Bent

Unter dem gemeinsamen Titel „EisZeiten“ (Hashtag #EisZeitenHH) führen das Archäologische Museum Hamburg und das Museum für Völkerkunde Hamburg ihre Besucher vom 18. Oktober 2016 bis 14. Mai 2017 in diese einzigartige Welt

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