Antike vs. Eiszeit Teil I – der Löwenmensch

Trotz aufgeklärter Sichtweise und aktueller Forschungsliteratur stelle ich mir die Jäger und Sammler der Eiszeit (also die Menschen, die zwischen 40.000 und 10.000 Jahren vor heute lebten) als grobschlächtig und dumm vor, besonders im Vergleich zu den 7.500 Jahre später lebenden Menschen der griechisch-römischen Antike. Mag gut sein, dass das mein verblendeter Blick als klassischer Archäologe ist. Das soll sich ändern! Es wird Zeit, die beiden Epochen aufeinanderprallen zu lassen, um zu sehen, ob es wirklich so gravierende Unterschiede gibt – und wenn ja, wo.

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Dann wollen wir mal den sogenannten Löwenmenschen betrachten, eine 40.000 Jahre alte Figur aus Mammutelfenbein. Was (oder wen!) der Löwenmensch darstellen soll, ist bis heute umstritten: handelt es sich um ein Mischwesen? Um eine Gottheit oder eine Personifikation der Stärke und Wildheit? Oder einfach nur um einen verkleideten Schamanen? Mischwesen gibt es in der prähistorischen Kunst mehrere, vor allem in der Höhlenmalerei tauchen immer wieder Menschen mit Geweihen auf dem Kopf auf. Am wahrscheinlichsten scheint da die Vorstellung, dass verkleidete Schamanen in Trance abgebildet sind, aber wer weiß?
Das Beeindruckendste am Löwenmenschen und anderen Mischwesen dürfte auf jeden Fall die Idee an sich sein: während im Prinzip jeder Eiszeit-Möchtegern-Künstler einen Riesenhirsch oder ein anderes Wesen, welches er selbst schon einmal gesehen hat, abbilden kann, bedarf es schon ordentlicher Kreativität, um zwei bekannte Wesen in einer neuen Gestalt zu vereinen. Das klingt für uns heute vielleicht nicht spektakulär, aber für die Jäger und Sammler, die vor 30.000 Jahren gelebt haben und bisher nur die Realität abgebildet haben, muss die Darstellung von „Fantasie“ ein gewaltiger Schritt gewesen sein.
Seitdem finden wir in allen Kulturen und Zeiten immer wieder Mischwesen: die Ägypter sind das wohl bekannteste Beispiel. Die Darstellungen ihrer Gottheiten ähneln dem Löwenmenschen insofern, als dass die Herren vom Nil normalen Menschen Tierköpfe aufgesetzt haben (darunter übrigens die erwähnte Sachmet, die löwenköpfige Göttin des Krieges).
Auch in der griechisch-römischen Mythologie finden wir verschiedene Mischwesen: den Minotauros (Mensch mit Stierkopf), die Satyrn bzw. Silene (Menschen mit spitzen Ohren und Bocks- bzw. Pferdeschwanz) und Kentauren (Menschen, deren Unterkörper der eines Pferdes ist), um nur die bekanntesten zu nennen. Mit all diesen nach-eiseitlichen Wesen befinden wir uns sicher im Reich der Geschichten, der Mythologie und der Fantasie. Die Bedeutung dieser Mischwesen ist unterschiedlich, aber immer befinden wir uns außerhalb der Zivilisation, sei es in der dunklen Vorzeit oder in der wilden Natur. Gerade die Wildheit scheint bei Tier-Menschen ein beliebtes und offensichtliches Motiv zu sein. Ob dieser Aspekt auch bei dem Löwenmenschen eine Rolle spielte?
Die antike Mythologie scheint im Vergleich zur Ideenwelt der Eiszeit ungleich spektakulärer. Abgesehen davon, dass wir heute aufgrund von schriftlichen Überlieferungen besser über Minotauros und Co. informiert sind als über die prähistorische Kunst, darf man nicht vergessen, dass die Antike immerhin auch 7.500 Jahre Zeit hatte, sich Gedanken über den Löwenmenschen zu machen und dessen Geschichte weiterzuspinnen …

Euer feindlicher Klarchologe Bent

Unter dem gemeinsamen Titel „EisZeiten“ führen das Archäologische Museum Hamburg und das Museum für Völkerkunde Hamburg ihre Besucher vom 18. Oktober 2016 bis 14. Mai 2017 in diese einzigartige Welt

3 Gedanken zu „Antike vs. Eiszeit Teil I – der Löwenmensch

  1. Eine schöne Idee, die EisZeiten per Comic näher zu bringen! Zeichnet der „feindliche Klarchäologe“ selbst?
    Gerade der Fakt, dass Römer und Griechen viel mehr Text zur Erklärung ihrer Mythen hinterlassen haben, lässt sie ja heute viel komplexer erscheinen. Wäre nur ein einzelner Stein-Minotaurus erhalten, würde sich die Interpretation auch schwierig gestalten. Deshalb muss vermutlich letztlich offen bleiben, wie komplex die Geschichte de Löwenmenschen einmal war…
    Viele Grüße und weiter so!
    Marlene Hofmann

    1. Hallo Marlene!
      Vielen Dank für das Lob! Der „feindliche Klarchologe“ zeichnet tatsächlich selbst, ja. Und er braucht ein bisschen, bis er sieht, dass hier jemand einen Kommentar hinterlassen hat…
      Ich habe mich ja nun in den letzten Monaten ein bisschen mehr mit der Eiszeit beschäftigt und bin immer wieder erstaunt, welche Kunstfertigkeit in den Objekten steckt, die wir heute kennen. Dazu kommt noch die Kommunikation über mehrere tausend Kilometer, die dafür sorgte, dass Frauenfiguren überall in Europa zu finden sind. Es würde mich schon sehr wundern, wenn die Löwenmensch-Macher nicht ähnlich spannende Mythen wie die Menschen der Antike gekannt haben.
      Viele Grüße
      Bent

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