Antike Orgelklänge – Highlight in der Langen Nacht #lndmhh

Nachbauten von antiken und mittelalterlichen Orgeln aus dem römischen und byzantinischen Kulturkreis – ein Beitrag zur Musikarchäologie.

 von Susanne Rühling M.A.

Der Nachbau der römischen Orgel von Aquincum. Photo: Klaus-Michael Schreiber
Der Nachbau der römischen Orgel von Aquincum. Photo: Klaus-Michael Schreiber

Ein historisches Klanggerät oder Musikinstrument eröffnet die Möglichkeit, Rückschlüsse über die Bedeutung und Formen der Ausübung der Musik innerhalb einer Kultur zu ziehen. Die sogenannte Musikarchäologie befasst sich mit der Erforschung von Klanghinterlassenschaften der verschiedenen Kulturen der Vergangenheit. Replikate und Nachbauten bieten die Gelegenheit, genaue Aussagen über die musikalischen Möglichkeiten, den Klang und dessen Eigenschaften zu treffen. Sie stellen einen weiteren Schritt zur Untersuchung von archäologischen Funden oder Instrumenten aus Sammlungen und der Einordnung derselben in die Musikgeschichte dar.

Die Orgel galt im Altertum als Instrument der prächtigen Feste und großen Veranstaltungen, sie umrahmte musikalisch u.a. Gladiatorenkämpfe und Wagenrennen. Zahlreiche unterschiedliche Quellen aus der Antike und dem Mittelalter zeugen von ihrer großen Beliebtheit und Faszination in der Vergangenheit. Überliefert sind archäologische Funde, Kunstdenkmäler, Abbildungen, musikgeschichtliche Traktate und literarische Texte zu Orgeln. Ktesibios aus Alexandrien im heutigen Ägypten soll die Orgel erfunden haben. Überliefert ist dies durch Philon von Byzantion (3. Jahrhundert v. Chr.). Die Orgel wird ausführlicher in zwei Schriftwerken der Antike beschrieben, im Werk de architectura des Vitruv (1. Jahrhundert v. Chr.) und in den pneumatika des Heron von Alexandrien (1. Jahrhundert n. Chr.).

Im Rahmen eines Projektes des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (Mainz, Deutschland) in Zusammenarbeit mit der Orgelbaufirma A. Schuke Potsdam-Orgelbau GmbH entstanden insgesamt drei Nachbauten von Orgeln von der Antike bis zum Mittelalter. Hierbei wurden u.a. Methoden aus dem Bereich der Experimentellen Archäologie angewendet.

Im Herbst 2012 stellten wir, der Orgelbauer und Feinmechaniker Michael Zierenberg und die Verfasserin dieses Blogbeitrages, zwei neue Rekonstruktionen der bekannten Orgel von Aquincum (Budapest, Ungarn) fertig. Diese befinden sich heute jeweils im Besitz des RGZM und in Privatbesitz. Ihre Konzeption unterscheidet sich in einigen wesentlichen Punkten deutlich von früheren Rekonstruktionen.

Unsere Nachbauten sind Produkte der Entwicklung musikalischer und technischer Traditionen aus zeitlich aufeinander folgenden Epochen. Musiktheorie und Musikpraxis werden erfahrbar. So entstehen aus der Synthese der Nutzung musikgeschichtlicher Quellen und der Rekonstruktion archäologischer Funde unter den Prämissen der Experimentellen Archäologie auch für die klassische Musikgeschichte neue Erkenntnisse, sowohl in instrumentenkundlicher Hinsicht als auch in Bezug auf die Praxis der Musikausübung. Aktuell läuft ein neues Forschungsprojekt mit dem Titel „Musizierpraxis zwischen profanem und sakralem Gebrauch im westlichen Europa und Byzanz“ Das Projekt beschäftigt sich mit akustischen Ereignissen, Musik und Musikinstrumenten der Vergangenheit, besonders in Spätantike und Frühmittelalter. Es handelt sich um ein Projekt des Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz: Byzanz zwischen Orient und Okzident am RGZM in Kooperation mit der Abteilung Musikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Alle Instrumente wurden in den vergangenen Jahren häufig im musealen Kontext gespielt. Eine regelmäßige Konzerttätigkeit in Zusammenarbeit mit dem Ensemble für Frühe Musik Musica Romana unterstützte die Entwicklung mehrerer Spieltechniken maßgeblich. Die damit verbundenen Wiederentdeckung musikalischer Möglichkeiten des Instruments ermöglichten ein entsprechendes Repertoire aus historischen und modernen Musikstücken. Das Orgelspiel verleiht der in Vitrinen archivierten Vergangenheit eine verlorene Dimension zurück.

 

Museen und Kontaktadressen:
Hier ist ein ganzer Ausstellungsraum dem Original gewidmet:
Aquincum Museum
Szentendrei út 135
Budapest (Ungarn)
www.aquincum.hu

Die neuen Nachbauten sind in der Dauerausstellung zu sehen:
Römisch-Germanisches Zentralmuseum
Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie
Ernst-Ludwig-Platz 2
55116 Mainz
www.rgzm.de

Zum laufenden Forschungsprojekt:
Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz: Byzanz zwischen Orient und Okzident
www.byzanz-mainz.de

Hier kann man mehr über alte Klänge erfahren:
„Zentrum für Traditionelle Musik“ am Freilichtmuseum für Volkskunde Schwerin-Mueß
Dr. Ralf Gehler
Alte Crivitzer Landstraße 13
19063 Schwerin

Kontakt zum Forschungsprojekt und zu den Musikern(innen):
Ensemble für Frühe Musik “Musica Romana”
Susanne Rühling M.A.
Postfach 1144
19221 Hagenow
www.musica-romana.de

Literaturempfehlungen und Zitatnachweise

  • Kaba, Die römische Orgel von Aquincum (3. Jahrhundert). Musicologia Hungarica 6 (Kassel 1976).
  • Markovits, Die Orgel im Altertum (Leiden 2003).
  • Müller, “The Sound of Silence”. Von der Unhörbarkeit der Vergangenheit zur Geschichte des Hörens. In: Historische Zeitschrift 292/1 (Oldenbourg 2011) 1–29.
  • Rühling, Hörbare Vergangenheit. Nachbauten antiker und mittelalterlicher Orgeln – Ein Beitrag zur Musikarchäologie. In: Organ: Journal für die Orgel 01/2013 (Mainz 2013) 30–36.
  • Rühling, Ein offenes Ohr für die Vergangenheit. Rekonstruktion und experimentelles Spiel antiker und byzantinischer Orgeln. In: Archäologie in Deutschland 01/2015, Sonderheft 07/2015 (Darmstadt 2015) 91–98.

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