Blogparade „Kultur?! Kultur!“

Ich gebe es zu! Als Tanja Praske auf ihrer Blogparade nach unserer, ich las „meiner“, Definition für Kultur fragte, versuchte ich digital in Deckung zu gehen, schien mir doch das Thema bzw. die Frage eine Nummer zu groß für einen Blogbeitrag und für mich, der sich immer noch als Prähistoriker versteht. Nun kommen jedoch zwei, eigentlich drei Dinge zusammen, und damit wurde ich, im wahrsten Sinne des Wortes, „aus der Deckung“ geholt:
Zunächst sind wir, das Archäologische Museum Hamburg, aktuell dabei, unsere Online-Kommunikation komplett neu aufzustellen. Dafür haben wir uns mit Katrin Schröder eine Kompetenz in Haus geholt, die schon nach den ersten Tagen Wirkung zeigte und uns davon überzeugt hat, dass wir den richtigen Weg gehen. Wer das Wort „Online-Kommunikation“ in den Mund nimmt, muss auch kommunizieren, sagt Katrin und fordert Content ein, in diesem Fall meine Definition vom Begriff „Kultur“.
Zur Vorbereitung habe ich mich also mithilfe von #KultDef schlau gemacht und all die spannenden, umfassenden aber auch kontroversen Beschreibung zum Kulturbegriff gelesen. Bis ich schließlich über den Beitrag von Angelika Schoder und ihrer Definition gestolpert bin:

„Eine Kulturdefinition kann nie eindimensional sein, denn Kultur umfasst immer mehrere Ebenen, Konzepte und Medien.“

Für mich trifft dieser Kernsatz den Nagel auf den Kopf, entspricht er doch dem, wie ich als Prähistoriker „Kultur“ gelernt habe. Einer meiner akademischen Lehrer gehörte zu der Kategorie von Professoren, die uns mit einem generalistischen Ansatz die Vor- und Frühgeschichte Mitteleuropas vermittelten. Entsprechend gefürchtet waren die mündlichen Prüfungen und noch heute treibt mir die im Rigorosum gestellte Frage „Herr Merkel, Sie reisen im 7. Jh. n. Chr. von Hamburg nach Konstantinopel: welche Kulturen und welche Einflüsse werden Ihnen auf dieser Reise begegnen?“ die Blässe ins Gesicht. Was für eine Frage für jemanden, der sich bis dahin mit den Hinterlassenschaften mittelsteinzeitlicher Jäger oder aber einem fränkischen Gräberfeld beschäftigt hat! Meine Antwort auf diese Frage soll hier nicht das Thema sein, es geht um die Definition von Kultur und warum Angelika für mich den Nagel auf dem Kopf getroffen hat. Kultur ist mehrdimensional, braucht Raum und Zeit. In meiner Arbeit als Sammlungsleiter begegnet mir dies täglich und wie mein Professor, versuche auch ich heute Archäologie nicht als chronologische Aneinanderreihung von Objekten aus historisch kontaminierten Böden zu vermitteln, sondern versuche, die Geschichte(n) und Kultur(n) dahinter zu zeigen.
In meiner Anfangszeit hier am Museum bin ich noch recht verkopft an diese Fragestellung heran gegangen, wie dieser Ausstellungstext aus den späten 90er Jahren zeigt:

„Kultur? Kultur!
„Na zum Beispiel das Schauspielhaus und das Thalia Theater, die Staatsoper, die Kunsthalle, Neumeier aber auch das Logo, Schmidts Tivoli und die Reeperbahn…“
Diese und ähnlich bekannte Institutionen und Personen werden gemeinhin auf die Frage genannt „Was ist denn die Hamburger Kultur?“ Dementsprechend würde die Ahrensburger Kultur etwas ländlich-sittlicher, sicher auch provinzieller definiert werden. Und die Trichterbecherkultur hätte dann mit Weinproben oder unterschiedlichen Biersorten zu tun.
Wenn aber ein Archäologe von einer bestimmten Kultur spricht, bezeichnet er damit eine räumlich-zeitliche Einheit, die sich durch typische Geräte, Werkzeuge, Hausformen oder andere überlieferte Zeugnisse auszeichnet. Dementsprechend bezeichnet man eine durch zeitlich begrenzte Besiedlung eines Platzes entstandene Erdschicht mit Artefakten als Kulturschicht.
Die verschiedenen Kulturen erhielten ihren Namen entweder nach bestimmten charakteristischen Gerätschaften (z.B. Trichterbecherkultur, Federmesserkultur) oder nach Fundorten (z.B. Hamburger Kultur, Ahrensburger Kultur). Häufig war dabei der erste Fundplatz namengebend, in anderen Fällen wurde der wichtigste Fundort als Teil des Namens aufgenommen.
Dies bedeutet aber auch, dass eine Kultur sehr viel weiter verbreitet sein konnte, als es ihr Name vermuten lässt: So wurden Fundplätze der Ahrensburger Kultur beispielsweise auch aus dem östlichen Belgien und den Niederlanden bekannt.
Und auch die Namen einiger Hamburger Fundplätze gelangten auf diese Weise in den Sprachgebrauch der europäischen Steinzeitforschung.
Allerdings ist der Fachbegriff „Kultur“ in der Forschungsgeschichte nicht unumstritten. So benennen einige Archäologen zeit-räumliche Einheiten mit Begriffen wie Stufe, Periode, Stil, Gruppe oder Kreis.“

Heute würden ich solche Ausstellungstexte nicht mehr schreiben und es ist mir nicht mehr ganz so wichtig, steinzeitliche Kulturen vorzustellen. Aus diesem Grund gehen wir am Archäologischen Museums Hamburg mittlerweile wesentlich offener und spielerischer an das Thema Kulturvermittlung heran: „Esskultur“ erklären wir beispielsweise mit Kochgefäßen aus der Eisenzeit, mittelalterlichen Messern und modernen Mülltonnen. Auf diese Art behandeln wir in der Ausstellung sämtliche, aus unserer Sicht wichtigen, Themen des Menschen und verfolgen dabei immer den Grundgedanken, dass unsere Kultur und unsere Geschichte immer mehrdimensional und das Ergebnis unterschiedlichster Konzepte ist.

Feuerstelle_AMH

Die Möglichkeiten der Präsentation unserer Kultur befinden sich aktuell, so empfinde ich es, im Umbruch: die Veröffentlichung eigener Bestände auf digitalen Plattformen wie Europeana, Deutsche Digitale Bibliothek oder auch das Google Cultural Institute sorgen für eine überregionale Streuung und für eine gewisse Nachhaltigkeit von Information und sie bieten, gerade für Museen, gute Chancen die Wahrnehmung der Häuser in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Konzepte wie „Digital Storytelling“, „Gamefication“ und auch „Social Media“ sind neue Begriffe einer digitalen Kultur, sie bieten zudem neue und vor allem spannende Ansätze zur Kulturvermittlung in Museen.

Bleibt die Antwort auf die Frage, was meine Definition von Kultur ist: Für mich ist Kultur etwas unglaublich Großes, sie ist die Summe all dessen, was „Mensch“ in den letzten 200.000 Jahren entwickelt hat, angefangen bei der Sachkultur über Kunst bis hin zum Verhalten. Dass ich im Museum als „Verwalter“ menschlicher Sachkultur für die Kultur arbeiten und diese zudem präsentieren darf gehört für mich ebenfalls zu meiner Definition von #KultDef.

Dr. Michael Merkel, Sammlungsleiter

8 Gedanken zu „Blogparade „Kultur?! Kultur!“

  1. In der Kulturvermittlung ist weniger manchmal mehr

    Auweia, diese Wahnsinnstexte kenne ich aus meiner Anfangszeit auch noch. Das Zauberwort ist tatsächlich „Selektion“ und gerade in der Vermittlung von über 200.000 Jahren sind Laien mit der Masse an möglichen Informationen schlicht überfordert.

    Da ist es dann unsere Aufgabe, das Fachwissen so aufzubereiten, dass alle Vorbildungsstadien was davon haben.

    Und eins weiß ich gewiss, wenn es mich mal nach Hamburg verschlägt, muss ich ausreichend Zeit für euer Museum einplanen. Und auch wenn ich Ausstellung und Konzept bisher nur von Homepage und aus anderen Drittquellen kenne, bin ich ziemlich sicher, dass mich/uns die hier gelebte offene Art der Kulturvermittlung ansprechen wird und am Ende ein schöner Blogbeitrag meinerseits dabei herauskommen wird.

    Danke für den inspirierenden Heitrag

  2. Ich finde es klasse, dass das Archäologische Museum bei dieser Blogparade mitmacht, sich doch an das große Thema der Kulturdefinition wagt und auch Einblicke gibt in den musealen Kulturwandel, der bei euch wie in vielen anderen Museen auch gerade stattfindet. Einerseits kann man durch die angesprochenen Digitalisierungsinitiativen und Apps wirklich tiefgründiges Wissen nachhaltig einer riesigen, weil weltweiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Gleichzeitig muss man sich davon Details, Geschichten herauspicken und so durch kleine Einblicke in die Geschichte erst einmal das Interesse an der Materie fangen. Ich verfolge die Entwicklung mit Spannung.

    Vielen Dank für den schönen Beitrag, viele Grüße,
    Marlene

    1. Hallo Marlene,

      ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen wollen: Wir Museen können es uns nicht mehr leisten, den digitalen Besucher zu vernachlässigen. Wir erleben zur Zeit einen unglaublichen, nicht immer schönen, digitalen Wandel: Fernsehen und Zeitungen entwickeln neue Formate auf neuen Plattformen, unsere Sachkultur wird langsam im „Internet der Dinge“ aufgehen und das Stichwort künstliche Intelligenz hat schon seit geraumer Zeit nichts mehr mit Science Fiction zutun. Museen können und sollten sich diese technischen Möglichkeiten zunutze machen um mit guten digitalen Vermittlungskonzepten das „Alte“ mit dem „Neuen“ zu verbinden bzw. plastisch die Geschichte menschlicher Kultur erzählen.

      Dazu gäbe es sicherlich noch viel mehr zu erzählen und selbstverständlich bin ich mir auch der Grenzen und Gefahren bewusst, aber das sollte an einer anderen Stelle diskutiert werden.

      Herzliche Grüße
      Michael

  3. Lieber Michael, liebe Katrin,

    ich freue mich, dass die eine hier den anderen zur #KultDef aufgefordert hat!

    Vielen Dank für den Verweis auf meine erste Kulturdefinition im Medium-Blog! Auch mir ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff sehr schwer gefallen, daher konnte ich mich nicht nur auf den einen Beitrag beschränken, sondern habe mit meinem anderen Blog (MusErMeKu) auch noch eine zweite #KultDef (http://musermeku.hypotheses.org/3754) zu Tanjas gut organisierter Blogparade beigesteuert. In meinem zweiten Beitrag geht es um die Bedeutung von Erinnerungskultur – also den Einfluss, den die Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen auf unsere gegenwärtige Kultur hat.

    Auch für euch als Museum ist das ja ein zentrales Thema, denn eure Aufgabe ist es, immer wieder herauszustellen, wie Jahrhunderte oder Jahrtausende alte Mechanismen auch heute noch unsere Kultur der Gegenwart prägen und beeinflussen.

    Schön zu sehen, dass ihr diese Vermittlung auch dadurch betreibt, indem ihr die Digitalen Medien nutzt – ganz im Sinne der Gegenwartskultur.

    Viele Grüße
    Angelika

    1. Liebe Angelika,
      wie gesagt, ich habe mich aber auch damit sehr schwer getan! Der Kulturbegriff ist sicherlich ein unerschöpfliches Thema und mir fehlt tatsächlich diese umfassende Kenntnis z.B. der Kulturgeschichte, wie sie meine Professoren teilweise noch hatten. Was übrigens auch ein Aspekt von Kulturwandel ist: die Aufgaben von Kulturschaffenden haben sich in den letzten 20 Jahren massiv geändert. Die Gründe sind sicherlich vielfältig, sind aber auch dem digitale Wandel zu zurechnen.
      Die Verlinkung zu deinem Blog habe ich gern getan, konnte ich deine Kernaussage doch als Anlass für meinen Beitrag nutzen.
      In diesem Sinne habe ich also zu danken!
      Viele Grüße
      Michael

  4. Merci für #KultDef

    Wunderbar grandios, Michael und Gratulation zum Glücksgriff Kathrin ins Kommunikationsboot zu holen! Der Theaterwelt wird es weh tun, die Museumswelt hingegen erfreuen – good luck euch beiden!

    Hach, wie herrlich deine Transparenz ist und wie prima deine Einsicht: ja, solche Ausstellungstexte aus der Anfangszeit gehören zwar verbannt, aber sie zeugen von Reife und waren nötig für neue Einsichten. Musste schon herzlich Lachen. Solche Texte schrieb ich im Doktorat … Die museologische Arbeit befreite mich von Ihnen – wunderbar!

    Sonnige Grüße aus München!
    Tanja

    1. De rien…

      …oder wie der Hamburger sagen würde „da nich für“! Über den Glücksgriff freue ich mich aber sehr, haben wir doch nun endlich die Chance all das anzugehen, was ich bereits in dem einen oder anderen Beitrag kommuniziert und auf dem Schreibtisch als Baustelle liegen habe 😉
      Die Arbeit von Katrin lässt sich toll an und sie trägt bereits Früchte, wie man den Zahlen entnehmen kann. Es wird von nun an von uns noch mehr zu hören, sehen und lesen geben und das ist gut und wichtig für unser Haus. Der Weg ist klar und ein Ziel wird gerade formuliert!

      Auch von mir herzliche Grüße, allerdings aus dem nicht minder sonnigen Hamburg,
      Michael

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