Archäologisches Museum Hamburg 2.0

Dieser Beitrag ist von einer Diskussion inspiriert, die von Tanja Praske auf ihrem Blog angestoßen wurde und an der wir uns selbstverständlich beteiligen!
„Sammeln, Bewahren, Forschen und Präsentieren“ – Präsentieren? Ich persönlich würde das gegen „Vermitteln“ austauschen. Die kulturelle Identifikationsstiftung, die ein ordentlicher Geschichtsunterricht bewirken könnte, sollte ganz oben auf unserer Fahne stehen. Wo verbirgt sich unsere Existenzberechtigung, wenn wir Archäologen Zugang zu dem Wissen und den Hinterlassenschaften unserer Vergangenheit haben, aber es niemandem sonst etwas nützt, weil niemand etwas davon erfährt? Drastisch ausgedrückt: Was bringt es zu bewahren, wenn es dafür in ein, zwei Generationen überhaupt kein Verständnis mehr gibt und alles, was nicht Gold ist, aus wirtschaftlichen Gründen weggeworfen wird? Wenn wir uns den Kommunikationswegen unserer modernen Gesellschaft entziehen, weil es ja vor ein paar Jahrzehnten auch noch anders funktioniert hat, dann verraten wir den Sinn unseres Faches.
Wir müssen alle anderen so begeistern, wie wir uns selbst begeistern können. Und uns auch den Fakten stellen. In der Großstadt herrscht grelle, blinkende und piepende Über-Information. Selbst wenn unser Plakat wahrgenommen wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es gerade dieses ist, das zu Hause noch so präsent ist, dass sich seine Informationen in einen reellen Plan umwandeln lassen, leider eher gering. Wir müssen unsere Besucher, wie jedes andere Unternehmen auch, zu Hause abholen. Und auch das funktioniert nicht über gleichgeschaltete Werbung, sondern über persönliche Erfahrungen. Meine Empfindungen – meine Antworten und Fragen – können ansteckend sein. Ich weiß, dass Geschichte fesseln kann, auch Menschen, die vermeintlich kein Interesse an ihr haben, wenn ich es nur schaffe zu vermitteln, das Jahrtausende Menschheitsgeschichte ihre Spuren in meiner Persönlichkeit – in meinen Werten und meinen Gefühlen – hinterlassen haben.
Ob wir persönlich nichts von social media halten, hat nichts mit unserer Arbeit zu tun. Wir stehen in der beruflichen Verantwortung mit allen Mitteln zu begeistern! Also warum nicht aus der Not eine Tugend machen? Die neuen Technologien, wie zum Beispiel die Smartphones mit ihren Kameras, haben viele Seiten. Aus der (Selbst-)Portrait-Epidemie hat die Museumsszene unter dem Hashtag #museumsselfie einen humorvollen Weg gefunden, museale Objekte aus einer anderen Perspektive zu zeigen.

Gesellschaften verändern sich, das zu erfassen ist die Essenz unserer Arbeit. Und wenn wir ein Teil der unseren sein wollen, dann müssen wir uns notgedrungen mitentwickeln – sonst überrollt uns unsere eigene Geschichte.

5 Gedanken zu „Archäologisches Museum Hamburg 2.0

  1. Liebe Lisa,

    wenn ich das lese, dann sind wir auf dem richtigen Weg! Ich wurde früher als Kunstgeschichtlerin auch immer gefragt: „Kunstgeschichte, so so … wozu studierst du das denn? Was hast du damit vor?“ – Meine schwammige Antwort war damals immer: „Och, ich kann an der Uni, für einen Verlag oder im Museum arbeiten“ – „Ah ha…“. Was sollten sie darauf auch sagen.

    Ja, Kulturgeschichte, ob Archäologie oder Kunstgeschichte, Philosphie etc. kann viel bewirken, wenn wir die Menschen erreichen. Wollen wir das tun, dann müssen wir uns mit ihren Lebensgewohnheiten vertraut machen. Tatsächlich schreibt ein Museum nicht für sich ins Netz (na ja, eigentlich schon, aber …), sondern für die Menschen. Was will das Museum damit erreichen? Zukünftige Besucher, o.k., so direkt lässt sich das nicht übertragen, aber wir holen sie zumindest zu Hause ab, geben ihnen Futter sich mit uns näher zu befassen, betreuen sie nach, binden sie im Idealfall an uns. Das setzt aber voraus, dass wir uns mit ihnen ernst gemeint auseinandersetzen und von ihnen Anregungen und Wünsche annehmen. Und wo machen wir das? Vor Ort im analogen Gespräch, aber auch im Netz, denn hier wird gesprochen. Wollen wir das?

    Jetzt muss ein vertiefender Blogpost einsetzen. Toll, dass du das so für dich definiert hast und danke dafür, dass ich dir einen Denkanstoss vermittelt habe – nur so kommen wir für die Kultur voran – gemeinsam!

    Herzlich
    Tanja

  2. Hallo Lisa,

    sehr schöner Ansatz, der in meinen Augen ein Thema berührt, dass schon lange viel zu stiefmütterlich angefasst wurde. Ich kenne die Diskussionen um die gesellschaftliche Relevanz der Archäologie (in meinem Fall speziell der Ur- und Frühgeschichte und der klassischen Archäologie) noch zu gut aus dem Studium und ich bin heute, mit etwas Abstand zur Wissenschaft erschrocken, wie wenig sich da doch im Endeffekt getan hat. Das ist jetzt nicht speziell auf die Museen bezogen, bei denen es vermutlich im ein oder andere Haus schon deutlich besser aussieht, sondern auf die Wissenschaft an sich. Museen waren ja schon immer ein Ort, an dem die „Ergebnisse“ der Wissenschaften dem Publikum präsentiert werden konnten, vielleicht kann also auch aus diesem Bereich eine Neuorientierung kommen, die dann ebenfalls Strahlkraft auf die Wissenschaft ansich hat.

    Denn hier, so sehr man sich auch bemüht, kommt man keinen Zentimeter aus dem Elfenbeinturm heraus. Betrachte ich mir z.B. den Social Media Auftritt des Deutschen Archäologischen Instituts, so ist dort die Zielgruppe klar: Wissenschaftler oder Leute, die in den angepriesenen Themen so tief drinstecken, dass sie von den teils sehr langen und in Wissenschaftsdeutsch verfassten Postings nicht abgeschreckt werden.

    Ich habe zwar nicht, wie du, die Sorge, dass man in ein paar Generationen anfangen wird, Dinge wegzuwerfen, die nicht aus Gold sind, aber selbst die Wissenschaften stehen ja schon heute in der Diskussion und alle paar Jahre müssen sich zumindest einzelne Fachbereiche die Frage gefallen lassen, warum sie denn überhaupt an einer Uni noch relevant sind. Bei Museen und den immer knapper werdenden, öffentlichen Geldern wird das sicher nicht anders aussehen.

    Ich hoffe, man findet in den nächsten Jahren den Mut, sich sowohl auf Seite der Wissenschaftler, als auch auf Seite der Museen immer mehr den neuen Medien und vor allem den Rezeptionsgewohnheiten der heutigen Besucher zu öffnen. Nur Mut, auch wenn es mal schief geht, ist jeder Versuch ein Schritt in die richtige Richtung.

    Viele Grüße,

    Thomas

  3. Liebe Tanja, lieber Thomas,
    ich denke, in den nächsten Jahren wird sich viel verändern. Auf dem Papier ist Geschichte immer schnell gelesen, doch tatsächlich haben sich ja diese Entwicklungen für unsere Vorfahren genauso langsam angefühlt, wie wir das heute persönlich erleben. Das bietet uns aber die Möglichkeit, an unserer Entwicklung teilzunehmen, sie mit zu beeinflussen und unseren Platz in ihr zu finden. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit einer aufgewühlten Generation Kultur zu machen!

    Liebe Grüße auch an euch!

    Lisa

  4. Liebe Lisa, zufällig finde ich Dich hier! Und bin ganz stolz auf Dich. Aber das ist mir nicht ganz so wichtig, wenn auch berechtigt! Aber vielleicht hilft es Dir, zu wissen, dass Dir ein alterer Mensch in Deinen Gedanken folgen kann. Die knapper werdenden Ressourcen und das sich rasant verändernde Lern-und Medienverhalten der Menschen verlangt andere Einstellungen der Museen und der Wissenschaft. Nun will ich auf meine alten Tage nicht zum blogger werden. Daher bald mal mehr in old fashion – family talk. LG WE

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