Der Hamburger Prachtcodex

Im Jahr 1784 kam es zu einer verheerenden Entscheidung des Domkapitels, welches damals in Bremen residierte. Die Herren beschlossen, sämtliche Schätze der maroden Hamburger Dombibliothek zu versteigern, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Erstens sollte der Gewinn für die seit Jahrzehnten ausstehenden Renovierungsarbeiten am einsturzgefährdeten Domturm verwendet werden und zweitens wurde so der Bau einer neuen Bibliothek schlicht unnötig.
Prachtcodex
Dieser Ansatz allein wäre schon bejammernswert, doch kam es noch schlimmer. Für die Auktion wurde eigens ein Katalog erstellt, der über 4.500 zu versteigernde Objekte auflistete. Dieser wurde allerdings so schlecht beworben, dass die Versteigerung floppte. Des einen Leid, des anderen Freud: Während sich von dem Verkauf wohl die Renovierung nicht finanzieren ließ, konnte unteranderem der Vertreter der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen mit 25 Manuskripten Klassischer Autoren von dannen ziehen. Die Hamburger Stadtbibliothek (Vorgänger der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek) hingegen scheint nur zwei Handschriften – zur Hamburger Geschichte – erworben zu haben.
Das Elfenbein-Evangeliar hingegen wurde für zwei Mark Kurant von einem Altonaer Stadtkämmerer ersteigert und später an einen Sammler verkauft. Nach dem Tod des Sammlers gelangte dessen Bibliothek mitsamt dem Evangeliar 1834 dann doch in den Besitz der Hamburger Stadtbibliothek.
Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Geschichte, die dieses Buch in seinen etwa 1000 Jahren Lebenszeit angereichert hat. Der Buchdeckel ist sogar noch älter: die Elfenbeinplatte ist eine römische Arbeit, die etwa um 450 entstanden ist. Wir freuen uns sehr darauf, den Hamburgern ihren Prachtcodex präsentieren zu dürfen. Allerdings wird es nach den ersten drei Monaten nach Ausstellungsbeginn durch eine Fotografie ersetzt werden müssen, da das wertvolle Buch dann zurück an die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg gegeben werden muss.

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