Harburger-Rathaus-Pappel

Das erste Mal habe ich über meine eigene Stadtgeschichte nachgedacht, als ich die Schule beendet hatte und wieder Zeit und Platz in meinem Kopf frei waren, die endlich wieder mit interessanten Dingen gefüllt werden konnten. Doch Geschichte hin oder her, interessant wird diese eh immer erst durch Menschen und ihre Empfindungen. Seit 1937 und dem Groß-Hamburg-Gesetz sind mehrere Jahrzehnte vergangen. Doch immer noch, durch die Generationen hinweg, gibt es Menschen die einen auf die Frage ob man Hamburger sei, mit einem Unterton der scheinbar Tod und Verderben mit sich zu bringen soll, entgegnen: „Nein, Harburger…(!!!).“ Das merkwürdige daran ist, dass dieses Verhalten nicht konsequenter Erziehung entspringt, sondern dem kollektiven Gedächtnis einer Kleinstadt. Es ist wirklich nicht so, dass unsere Großeltern früher nach vorn gebeugt vor uns standen, mit dem Finger auf uns zeigten und predigten: „Du sollst Harburger sein.“ Unser regionales Verständnis schleicht sich über Moral und Humor ein, über Träume und Ängste, die unsichtbare Türme in unserem Kopf bauen, deren geheime Türen nur von Einheimischen zu finden sind. Niemand kann erklären, wie man diese öffnet – man kann es nur wissen.

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Wie tief verwurzelt unsere Heimatliebe ist und wie prägend die Erinnerung der Stadt sein muss, in der wir leben, lässt sich in keinem Buch nachlesen. Aber manchmal, an besonderen Tagen, kann man diese auf der Straße sehen. In diesem Frühjahr gab es einen solchen Tag, leider einen recht traurigen.
Jeder von uns kennt das Harburger Rathaus und die mächtigen Bäume zu seiner Seite. Als von diesen eine Pappel gefällt werden musste, weil ein Baumpilz sie von Innen zersetzte, stand den Tag über eine Gruppe von Harburgern mit wechselnder Besetzung vor dem Szenario. Nachdem durchgedrungen war, dass es sich nicht um kaltblütigen Baummord handelte, standen wir still, abwechselnd in kleinen Grüppchen, bei unserem Baum, und verabschiedeten uns. Ich war auf dem Weg zur Arbeit an dem Geschehen vorbeigekommen, doch als Ingo und ich nach der Mittagspause wieder daran vorbei gingen, waren die Gärtner und Zuschauer schon verschwunden, und die Pappel lag in schmalen Scheiben auf dem Rasen. Kurzer Hand rissen wir einige Zweige ab, kaum die Hoffnung wahrend, dass der Freilandbaum gewillt wäre, in einem Büro anzuwurzeln.
Nicht nur wir haben uns darüber gefreut, dass sie das dann doch bereitwillig tat. Monika Wolff, die Sekretärin des Direktors, plante gleich die Umsiedlung eines der Asylanten. Sie organisierte eine Ecke auf unserem derzeit im Umbau befindlichen Parkplatz, in die eine der Mini-Pappeln umziehen wird.
Und erzählt man dies einem echten Harburger, dann lächelt er. Und freut sich, dass unsere Rathaus-Pappel weiter lebt.

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