Auf christlichen Spuren …

Bescheiden blickt die kleine Christusfigur auf ihren Betrachter zurück –bescheiden wirken auch ihre Maße. Keine 3 cm im Durchmesser misst dieser kleine Schatz, der vor über 1000 Jahren bei Hammaburg verloren wurde. Das aus Bein geschnitzte Kreuz mit Jesusdarstellung ist von einfacher Machart. Augen, Mund, Hände und Verzierungen auf dem Körper, die eine Ärmeltunika darstellen, sind durch Ritzungen angedeutet. Sie sind schlicht, beleben aber die Darstellung. Doch wie kann ein so kleines Stück ein so großes Bild ergänzen, wie jenes, welches gerade im Museum zur alten Stadt gezeichnet wird?

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Die Geschichte wird andernorts weiter erzählt, von einem Beinkreuz das unserem ganz ähnlich sieht. In Oldenburg wurde ebenfalls ein beinernes Kreuz desselben Formats gefunden, allerdings in einem Grab. Es befand sich im Halsbereich eines etwa einjährigen Kindes. Die starke Abnutzung des Materials deutet daraufhin, dass der Anhänger über einen langen Zeitraum von jemandem getragen wurde, und entweder die Reibung der Kleider unter denen er lag, oder die suchender Hände, seine Konturen verwischte. Nun ist es kaum vorstellbar, dass ein Kind von so kurzer Lebensdauer diese Spuren des Alters verursacht haben soll. So ist in dem kleinen Anhänger ein Erbstück zu sehen, oder eine Grabbeigabe mit nostalgischem Wert.
Der Hammaburger Kreuzanhänger zeigt sogar noch stärkere Abnutzungsspuren als der Oldenburger. Er scheint also jemandem als Amulett begleitet zu haben, bevor er sich von dessen Hals stahl. Genau verließ es seinen Besitzer am Uferwall des späteren Reichenstraßenfleets, im Bereich des Marktes an dem Gestade. Die Fundlage könnte ein Hinweis auf einen fahrenden Händler sein, der den kleinen Anhänger von weit weg mit brachte. Doch genauso ist es möglich, dass ein Einheimischer den Schmuck, lange bevor er ihn verlor, auf seinem Markt erwarb, von einem Händler, der sich auf den Vertrieb der langsam in Mode kommenden Christensymbole verstand. Denn tatsächlich bilden die beiden Kreuze aus Hamma- und Oldenburg kein Duett, sondern sie sind einer größeren Gruppe Kreuzanhänger zuzuordnen, die in Oldenburg, Hamburg und Kansteinburg gefunden wurden. Diese sind sich in ihrer Machart so ähnlich, dass sich eine gemeinsame Werkstatt am Fuße des Nordharzes vermuten lässt.
Dieser kleine Anhänger aus Bein erzählt also mehr, als der erste Blick vermuten lässt. Er berichtet von einem der frühsten Christen in Hammaburg und von dem persönlichen Wert, den sein Träger ihm beimaß. Doch erzählt er auch von einer Werkstatt, die christliche Amulette schnitzte, die so beliebt waren, dass sie Verbreitung erfuhren und sogar geliebten Menschen mit auf die letzte Reise gegeben wurde.

 

4 Gedanken zu „Auf christlichen Spuren …

  1. Immer wieder interessant zu sehen, was für Geschichten die kleinsten Gegenstände erzählen können. Wieviele von diesen Anhägnern wurden denn bisher gefunden? Gibt es auch religiöse Amulette anderer, ursprünglicher Religionen? Scheint ja auch ein nettes Indiz für einen frühchristlichen Kapitalismus zu sein 😉

    1. Lieber Sebastian,

      bei uns in Hamburg ist nur ein Kreuz dieser Machart gefunden worden. In Oldenburg in Holstein, also quasi auch bei uns im Norden, wurden zwei gefunden. Eins ist auch aus Bein, das andere aus Bronze. Im Nordharz gibt es eine Handvoll dieser Kreuze, weshalb der Verdacht nahe liegt, dort die Werkstatt zu lokalisieren.
      Tatsächlich ist es bei den hier ansässigen Volksstämmen nicht üblich gewesen, religiöse Amulette zu tragen, bis die Christen kamen. Ob die Kreuzanhänger die Germanen dazu inspirierten, sich auch mit einem Symbol ihrer Religion zu schmücken, oder ob sie sich von den Christen abgrenzen wollten, ist nicht wirklich festzumachen.
      Und vielleicht waren die Produzenten der Kreuze wirklich frühchristliche Kapitalisten, aber vielleicht waren es auch nur Kapitalisten, die sich am frühen Christentum bedienten.

  2. Kapitalisten, die sich am frühen Christentum bedienten…das klingt so nach katholischer Kirche…was für Amulette anderer Religionen habt ihr denn so gefunden? Kann man daraus schließen, was für Götter bei euch im Norden angebetet wurden und unterscheiden die sich vom restlichen „deutschen“ Gebiet?

    1. Nunja..

      die katholische Kirche gibt es zu der Zeit in unserem Sinne nicht. Die Vermutung, dass „das Unternehmen Christentum“ sich auch rechnen sollte, ist mit Sicherheit berechtigt. Allerdings wage ich zu hoffen, das die Herrschaft der Christen nicht auf dem Verkauf von Modeschmuck gegründet wurde (;
      Im skandinavischen Raum finden nach der Ankunft der Christen vor allem Thorshämmer Verbreitung, bei uns ist das Pendant die Donarkeule.
      Im Übrigen werden diese zwar auch als Einzelfunde in Siedlungen entdeckt, sind aber eigentlich nur bei weiblichen Bestattungen beigegeben. Es sind lediglich eine skandinavisch und eine britische männliche Bestattung bekannt, denen Thorshämmer beigelegt wurden. Nun ist es aber so, dass bei der skandinavischen nicht sicher ist, ob der Mjölnir tatsächlich zur Bestattung gehört hat, weil das besagte Flachgrab komplett zerpflügt war. Dem in Britannien Bestatteten wurde der Hammer mit Sicherheit beigegeben, allerdings konnten an dem Verstorbenen massive Gewalteinwirkungen rekonstruiert werden, unteranderem die Amputation seines Penis.
      Leider sind die Religionen die hier vor dem Christentum praktiziert wurden, gänzlich unbekannt. Einige Hinweise für den skandinavischen Raum liefert die Edda, doch können ihre Götter nicht ohne weiteres auf alle Regionen bezogen werden. Es gibt Ähnlichkeiten, so entspricht der skandinavische Thor sehr unserem Donar, doch unterscheiden sich die Götter oft mehr als nur in ihren Attributen. Wir können eine pagane Naturreligion festmachen, die regional vermutlich differenzierte. Doch die genauen Mythologie und die Rituale vermögen wir leider kaum zu erahnen.

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