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BEST BLOG BLOGSTÖCKCHEN: GEFANGEN UND WEITER ANGESPITZT!

Tanja Praske hat ein Blogstöckchen geworfen – und wir haben es gefangen! Dies ist das erste Blogstöckchen, welches unser noch junger Blog auffangen „darf“. Da Ausstellungen immer nur im Team entstehen, werden wir die Fragen von Tanja zur Arbeit im Museum auch im Team beantworten. Wir, das sind der Sammlungsleiter des Archäologisches Museum Hamburg, kurz AMH, Michael Merkel und Ingo Petri, der Koordinator für unser aktuelles Großprojekt „Mythos Hammaburg“ – womit wir schon bei der ersten Frage von Tanja wären:

1. Wer bist du? Und was reizt dich an deinem Job?
Michael: Um die Beantwortung der Frage „Wer bist du?“ gibt es seit Jahrhunderten so ausführliche philosophische Streits, das ich mich an dieser Stelle nicht unbedingt einmischen möchte. Was ich im Museum so mache ist gerade recht ausführlich auf unserem Blog geschildert worden. Aktuell stecke ich mitten in den Vorbereitungen für unsere nächste Sonderausstellung, welche den schönen Namen „Napoleons Silberschatz“ trägt. Wie in dem Blog- Portrait über mich zu lesen ist, übernehme ich hier im Museum viele Funktionen, nun kommt noch die Aufgabe des „Social Media Managers“ hinzu. Diese vielfältigen Funktionen sind „Lust & Last“ zugleich: Auf der einen Seite ist es unglaublich vielseitig und spannend mit so vielen Aufgaben betraut zu sein, auf der anderen Seite spiegelt es wider wie wenige wir hier sind.
Eine wirklich große Baustelle meines Jobs, welche auch meine Nachfolger beschäftigen wird, ist übrigens die Inventarisierung unserer Bestände – dieses Thema ist wahrscheinlich die Herausforderung sämtlicher Museen und Archive. Ich bin gespannt inwieweit uns die Technik noch Arbeit abnehmen kann.
Ingo: Auch über mich kann man einiges auf unserem Blog nachlesen. Ich bin hauptsächlich für die Sonderausstellung „Mythos Hammaburg“, die im Oktober 2014 eröffnet wird, zuständig. Da das Museum nur wenige Mitarbeiter hat, übernehme ich daneben auch noch andere Aufgaben, zum Beispiel helfe ich aktuell bei den Vorbereitungen zu unserer nächsten Sonderausstellung mit dem Titel „Napoleons Silberschatz“. Interessant an meiner Arbeit ist die Vielfältigkeit: heute Napoleon, morgen Ansgar… und immer wieder stößt man bei den Recherchen auf ungelöste Forschungsfragen.

2. Wie lange plantet ihr die aktuelle Ausstellung/Projekt? Was war die größte Herausforderung dabei und wie wurde diese gelöst?
Michael: Wir sind ausstellungstechnisch die Könige der letzten Monate. Tatsächlich haben wir zahlreiche Ideen und Grobkonzepte auf dem Server. Konkret wird es immer dann, wenn wir die finanziellen Mittel für ein Projekt in Aussicht gestellt bekommen, dass ist in der Regel etwa 2 Jahre vor dem angedachten Termin. Da Sonderausstellungen hier nur mit sogenannten Drittmitteln finanziert werden, kann die Umsetzung leider immer erst erfolgen, wenn tatsächlich Gelder fließen und das kann gelegentlich dauern. Damit ist die Frage nach der größten Herausforderung klar: Die Einwerbung von Geldern für die Realisierung von Ausstellung, das ist hier ein immer wiederkehrendes Dauerthema. Die Frage nach der Lösung ist nicht einfach zu beantworten oder vielleicht doch: Anträge schreiben und die Klinken von Sponsoren putzen. Letzteres ist, gerade für das Thema Archäologie, schwierig und nicht jedermanns Sache (so gesehen ist auch das eine gewisse Herausforderung).
Ingo: Da ich erst seit September 2013 hier arbeite, plane ich auch erst seit dem an der Ausstellung. Wir haben viel Geschichte zu vermitteln, was uns dazu zur Verfügung steht, sind leider hauptsächlich Bodenverfärbungen und einige wenige Funde. Daraus eine spannende Ausstellung zu konzipieren, ist schon eine Herausforderung. Aber eine die Spaß macht!

3. Was ist das oder eines der kleinsten Objekte eurer Sammlung?
Michael: Eines der kleinsten Objekte unserer „ständigen“ Sammlung ist eine 8.000 Jahre alte Pfeilspitze aus Duvensee im Kr. Herzogtum Lauenburg. Pfeilspitzen wie diese nennt die Fachwelt „Mikrolithen“ und eigentlich sie sind weder herausragend und selten, dieses Stück ist aber deshalb etwas Besonderes, da an ihm noch die Reste von Birkenpech haften, dem „Uhu-Kleber“ der Steinzeit.
Ingo: Der Kreuzanhänger aus der Altstadt, er ist unter 3 cm groß. Auch wenn in der
Literatur meistens Maßstäbe für die Objekte mit angegeben sind, lebt der Kopf oft eigene Größen und Dimensionen. Den Kreuzanhänger habe ich mir zum Beispiel viel größer vorgestellt.

4. Gibt es eine kuriose Geschichte/Erlebnis um ein Objekt/Ausstellung? Erzähle sie uns. Es kann auch einfach ein kurioses Objekt aus der Sammlung sein.
Michael: Sicherlich ist die Geschichte um den sogenannten Schädel von Hahnöfersand eine der kuriosesten. Dieses Schädelfragment wurde in den 1980er Jahren von einem namhaften Frankfurter Anthropologen als etwa 35 000 Jahre alt datiert und galt so definitiv als Überrest eines Neandertalers. Mit dem Schädel hatten wir also nicht nur den ältesten Hamburger gefunden, sondern auch den nördlichsten Neandertalerfund überhaupt! Anfang 2000 wurde mit der Überprüfung sämtlicher Daten dieses Anthropologen begonnen, da mittlerweile Zweifel an seinen Methoden aufgekommen waren. Es kam wie es kommen musste: Unser Schädel war nicht 35.000 Jahre alt sondern nur 7.500. Und unser Neandertaler war kein Neandertaler sondern „nur“ ein Homo Sapiens (allerdings mit recht starken Augenbrauen).
Ingo: Als kurios empfunden habe ich zu Beginn meiner Stelle hier die Arbeit mit Schriftquellen, die für die Hammaburg-Ausstellung wichtig sind. Das ist man als Archäologe eigentlich nicht gewohnt und zu ermitteln welchen Sätzen man Glauben schenken darf, ist nach wie vor eine Herausforderung. Über meine Schwierigkeiten damit habe ich ja bereits auf unserem Blog berichtet.

5. Hast du ein Lieblingsstück? Warum?
Michael: Das habe ich tatsächlich! Es handelt sich um ein recht unscheinbares Gefäß von einem Hamburger Fundplatz namens „Boberg“. Das Besondere an diesem Gefäß ist sein Alter und seine Herkunft: Es ist über 6.000 Jahre alt und stammt damit aus einer Zeit, in der die hiesigen Menschen noch Sammler und Jäger waren. Die Herstellung von Gefäßen aus Ton war hier noch weitgehend unbekannt, nicht jedoch bei den ersten Bauern, die deutlich südlich der Elbe lebten. Dieser kleine Becher (http://www.google.com/culturalinstitute/asset-viewer/former-trade/3gHr5u…) kann somit als einer ältesten Importe Norddeutschlands angesprochen werden, etwas was gerade für eine Handelsstadt wie Hamburg bis heute ein wichtiges Thema ist.
Ingo: Bei mir ist es die Keramik des Types Hamburg B. Das ist ein Keramiktyp, der hier hergestellt wurde, die Gefäße haben die typisch einheimische Form, sie sind aber verziert. Die Idee der Verzierung wurde vermutlich von der slawischen Keramik übernommen. Schön sind die Gefäße wirklich nicht – aber sie sind ein tolles Beispiel für die Vermischung verschiedener Kulturen.

6. Welches Objekt habt ihr zuletzt warum restauriert bzw. restaurieren lassen und nach welchen Kriterien?
Michael: Aktuell ist die Werkstatt voll mit Objekten von einem frühmittelalterlichen Gräberfeld aus dem LandkreisHarburg. Das AMH ist nämlich nicht nur ein Museum, wir übernehmen gleichzeitig die Bodendenkmalpflege der Freien und Hansestadt Hamburg sowie des Landkreises. Aus diesem Grunde haben wir immer einen recht großen Bestand von Bodenfunden in der Restaurierung.
Ingo: Ein Freund hat mir vor ein paar Jahren eine Muskete, ein Familienerbstück, geschenkt. Leider stand sie vorher längere Zeit einfach in einer Garage, sie hat also etwas Rost angesetzt. Sie befindet sich zurzeit hier in der Restaurierungswerkstatt und wird gereinigt, da es sich dabei um eine Waffe aus der Französischen Revolution handelt und wir sie in unserer nächsten Sonderausstellung zeigen wollen.

7. Welchen Stellenwert besitzt das Blog für das Haus?
Michael: Wir lernen gerade erst zu Bloggen und entsprechend ist der Stellenwert noch nicht ganz so hoch anzusetzen. Wir merken aber gleichzeitig, wie wichtig diese Art der Öffentlichkeitsarbeit ist. Diese Arbeit benötigt erst einmal keine finanziellen Mittel, wie etwa eine Anzeige in einem Printmedium, sie benötigt allerdings einen recht hohen Zeitaufwand, was angesichts unserer Personaldecke tatsächlich schwierig ist.
Ingo: Als erstes bedeutet der Blog für uns alle mehr Arbeit! Es macht aber Spaß, die Artikel zu verfassen. Da wir mehrere sind, kann sich jeder das Thema raussuchen, das ihn interessiert. Da ich sonst vor allem wissenschaftliche Artikel schreibe, ist der Schreibstil für den Blog eine angenehme Abwechslung und hier kann man auch mal kurz etwas zu Themen schreiben, die keinen ganzen Artikel ergeben würden.

8. Hast du einen Artikelfavoriten im Blog? Wenn ja, warum?
Michael: Nein, da wir, wie gesagt, gerade damit anfangen und sämtliche Beiträge noch mit viel Herzblut entstehen.
Ingo: Da schließe ich mich Michael an.

9. Was bedeutet dir Kultur?
Michael: Was für eine Frage! Darauf eine gute Antwort zu haben ist tatsächlich schwierig. Kultur bedeutet für mich tatsächlich ganz viel: Ich habe das unglaubliche Glück in einem Museum zu arbeiten und damit festverankert in einem Netzwerk von sogenannten Kulturschaffenden zu sein. Das ist nicht nur was für den „Kopf“ sondern viel häufiger auch etwas für das „Auge“. Abends, nach einem intensiven Museums(all)tag bin ich gerne auch mal froh nichts mit Kultur zu tun zu haben…
Der Archäologe hat zudem noch ein merkwürdiges Verhältnis zum Kultur-Begriff: Wir sprechen zum Beispiel von der Hamburger Kultur und meinen damit nicht etwas das Schauspielhaus oder die Kunsthalle! Wir bezeichnen die Hinterlassenschaften altsteinzeitlicher Jäger als Geräte der „Hamburger Kultur“, da sie zufällig im Raum Hamburg gefunden wurden.
Ingo: Kultur bedeutet mir viel, immerhin bestimmt sie unsere Werte, unsere Identität, unser Handeln, eigentlich unser ganzes Leben, auch, wenn sich nicht jeder dessen bewusst ist.

10. Wenn du kulturell „fremdgehst“ (außerhäusliche Aktivitäten), was machst du?
Michael: Dann beschäftige ich mich mit der Entwicklung von Apps und mache mir Gedanken wie man kulturelle Content so aufbereitet, dass es Spaß macht sich damit zu beschäftigen bzw. ins Museum zu gehen. Außerdem bin ich gerade der Fan einer amerikanische TV-Serie, welche den denkwürdigen Namen „Shameless“ trägt.
Ingo: Da wir in Hamburg und Schleswig-Holstein ein recht reges Volontärsnetzwerk haben, treibe ich mich tatsächlich auch mal häufiger in anderen Museen rum, wenn man das als „kulturell fremdgehen“ bezeichnen möchte. Sonst treibe ich in meiner Freizeit noch Sport.

11. Du hast drei Wünsche frei, welche sind das?
Michael: Ich konzentriere mich mal auf mein sogenanntes Tagesgeschäft:
1. Ich würde gerne eine große Ausstellung zum Thema Eiszeit machen, welche mit internationalen Leihgebern aufwarten kann und in den USA gezeigt wird.
2. Ich hätte gerne die finanziellen Mittel für zwei bis drei Kollegen umso wichtige Themen wie Sammlungsmanagement, Archivierung und Social Media besser abdecken zu können.
3. Ich wünsche mir, dass die beiden kommenden Ausstellungen „Napoelons Silberschatz“ und „Mythos Hammaburg“ ein Erfolg werden.
Ingo: 1. Ich wünsche mir, dass wir unsere Ausstellungen so konzipieren können, dass sich unsere Besucher etwas daraus lernen und sich mit ihrer (Stadt-)Geschichte identifizieren können.
2. Im Anschluss an mein Volontariat möchte ich weiter mit Burgen arbeiten können. Dabei interessieren mich vor allem die verschiedenen Bauweisen und Funktionalitäten, das ist alles noch nicht genügend erforscht worden.
3. Der geheime Super-Wunsch ist aber ein eigenes Institut zu leiten, wahnsinnig viel Geld zu haben, um alle möglichen Forschungsprojekte finanzieren zu können und eine Armee von tollen Studenten zu haben, mit denen die Archäologie revolutioniert wird.

Nun zu unseren Fragen:

1. Wer bist Du?
2. Wo arbeitest du und was sind die Schwerpunkte eurer Sammlung?
3. Was ist das besondere an deiner Arbeit?
4. Was sind, im Job, deine großen „Baustellen“.
5. Was machst Du in 10 Jahren?
6. Was verstehst Du unter Kultur?
7. Wie wichtig sind für dich die Möglichkeiten von Social Media?
8. Wie technikaffin bist Du und wo setzt Du sie ein?
9. Warum ist dir das vermitteln von Geschichte wichtig?
10. Welche Ideen hast du, um jungen Menschen Museen wieder schmackhaft zu machen?
11. Welche ist deine Lieblingsepoche und warum?

Blogstöckchen geht an:
Wera Wecker
Sebastian Hartmann

5 Gedanken zu „Blogstock

  1. Famos, klasse! Unglaublich wie schnell Ihr seid. Gestern erst bewarf ich euch mit dem Blogstöckchen, einen Tag später schmeißt Ihr es weiter – ich bin schwer begeistert! Hamburg und Berlin are calling – super!
    Prima ist, dass ihr euch trotz personell extremer Engpässe auf das „Wagnis“ Blog eingelassen habt und dass es euch Spaß bereitet, damit seid ihr vorbildlich.

    Wenn ich einen kleinen Wunsch äußern darf, ich sähe so gerne ein Bild vom Schädel von Hahnhofersand oder vom Gefäß „Boberg“. Für eure Wünsche drücke ich euch die Daumen und freue mich auf weitere Blogposts!

    Herzlich,
    Tanja Praske

    1. Liebe Tanja, nun komme ich endlich dazu dir zu antworten! Herzlichen Dank für deinen Kommentar! Wir haben mittlerweile Schädel und den Becher eingefügt und künftig werden wir auch mehr als ein Bild posten – versprochen!

      Viele Grüße

      Michael

  2. Ich greife 2 Zitate heraus: „Es macht aber Spaß, die Artikel zu verfassen“ –> Es macht mir Spass, sie zu lesen! Und: „… mache mir Gedanken wie man kulturelle Content so aufbereitet, dass es Spaß macht sich damit zu beschäftigen bzw. ins Museum zu gehen“. Davon werden viele profitieren! Danke für diese Einblicke!
    P.S.: Ich blogge (noch) nicht …

    1. Hallo Herr Soemers,
      herzlichen Dank für diesen Kommentar! Wir laden einfach zu unserer nächsten Sonderausstellung ein, vielleicht zu einem Tweetup, dann sehen Sie was wir machen und Sie haben vielleicht sogar was zu bloggen 😉
      Beste Grüße
      Michael Merkel

  3. Lieber Michael,
    lieber Ingo,

    ein wunderbarer Beitrag! Eure Antworten auf die Fragen von Tanja Praske sind einfach lesenswert! Ich freue mich schon sehr auf die kommenden Ausstellungen des Archäologischen Museums Hamburg. Ein Besucher ist Euch auf jeden Fall garantiert. 😉
    Selbstverständlich wünsche ich Euch, dass sich alle Hamburger mit ihrer Geschichte auseinandersetzen und Eure Ausstellungen besuchen.

    Herzlichen Dank an Euch, dass Ihr das Blogstöckchen weiter geworfen habt! Ich habe den Stift gespitzt, mir einen Tee aufgesetzt und mir Gedanken über Eure Fragen gemacht. Hier sind nun meine Antworten: http://kulturundkunst.wordpress.com/2014/03/20/blogstockchen-11-impulsfr

    Viele Grüße
    Wera Wecker

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