Der Ärger mit den Schriftquellen

Schriftquellen

Eine meiner ersten Aufgaben bei der Ausstellungsvorbereitung war das Zusammenstellen der Schriftquellen zum frühen Hamburg, um erstens Informationen über diese Zeit zu sammeln und zweitens Schriftquellen für eine Präsentation in der Ausstellung auszuwählen.
In der neueren Literatur über die Geschichte Hamburgs wurden als Quelle für den Wikingerüberfall im Jahre 845 immer nur die Annales Bertiniani genannt. Im Register der Edition dieser Quelle ließ sich Hamburg aber einfach nicht finden. Bei näherem Hinsehen fand ich es dann doch – in Klammern bei „Sclavorum civitas“. Hier stutze ich. Seit wann ist Hamburg eine slawische Stadt? Der Historiker meines Vertrauens empfahl mir, zu dem Thema einmal in eine Zusammenstellung der Schriftquellen zu Hamburg aus dem Jahre 1895 zu schauen. Hier wurden als Quelle für den Wikingerüberfall die Annales Fuldenses genannt – zu der Textstelle in den Annales Bertiniani bemerkte der Autor nur: „das soll doch hoffentlich nicht Hamburg sein!“. In den Annales Fuldenses steht der Wikingerüberfall auf Hamburg auch tatsächlich drin.
Es ergab sich also, dass ich feststellen musste, dass in der von der modernen Forschung für diesen Vorfall zitierten Quelle, nichts darüber zu finden war. Dafür aber in den seit langem völlig ignorierten Annales Fuldenses.
Offensichtlich hatte also einfach seit ca. 100 Jahren niemand mehr in die Originalquellen geguckt, sondern immer nur von anderen abgeschrieben. Und irgendwer in der Kette hat wohl mal die Schriftquellen verwechselt. Na ja, so was soll ja mal vorkommen…
Bei einer chronologischen Aufstellung der Urkunden fiel mir folgendes auf: Papst Gregor bestätigt im Jahre 832 die Stiftung eines Hamburger Erzbistums, Kaiser Ludwig der Fromme stiftet 834 ein Hamburger Erzbistum – offensichtlich war der Papst seiner Position würdig, wenn er das Erzbistum bereits zwei Jahre vor seiner Stiftung bestätigte! So ganz passen wollte das irgendwie nicht. Ein Artikel über mittelalterliches Recht brachte da eine Erklärung: Mittelalterliches Recht funktionierte anscheinend so wie das Autoquartett, das wir in der Schule immer in den Freistunden gespielt haben: Wenn ich eine Karte mit einem Auto mit 50 PS auf der Hand hatte und mein Gegenspieler mich mit 70 PS überbieten konnte, dann bekam er meine Karte. Im mittelalterlichen Recht war das ähnlich, nur dass hier nicht mit Karten, sondern mit Urkunden gespielt wurde und dass hier nicht die größere, sondern die kleinere Zahl gewann. Und der Gewinner bekam auch nicht die Urkunde des Verlierers, sondern die von ihm beanspruchten Privilegien. Also wenn sich zum Beispiel Bremen und Hamburg auf eine Runde Urkundenquartett spielen trafen und Bremen eine Urkunde für eine Erzbistumsgründung im Jahre 833 setzte und Hamburg versuchte, eine aus dem Jahr 834 gegenzuhalten, dann hatte Hamburg verloren. Da man die Urkunden meist nicht im Original vorliegen hatte, sondern als Abschrift, konnte man beim Abschreiben für so einen Fall schon einmal vorsorgen. Und da Bremen das vermutlich auch machte, war also 833 statt 834 hoch gepokert– also schrieb man lieber gleich 832. Und da man gerade nur die Papsturkunde brauchte, änderte man eben nur die, Papst Gregors Unterschrift war in diesem Spiel quasi Trumpf.
Weiter fiel auf, dass die Liste der von Ansgar zu missionierenden Völker in unterschiedlichen Abschriften derselben Urkunde unterschiedlich umfangreich war. Auch hier half der Artikel über das mittelalterliche Recht: Urkunden wurden beim Abschreiben bedenkenlos an die zur Zeit der Abschrift herrschenden Verhältnisse angepasst. Stand also in der Originalurkunde als Missionsgebiet nur Dänemark, man war aber inzwischen auch für Schweden zuständig, dann schrieb man des eben dazu. Das galt damals nicht als Fälschung.
Da die Urkunden über Jahrhunderte immer abgeschrieben und dabei verändert wurden und sich keine einzige der frühen Urkunden im Original bis heute erhalten hat, kann man sich also leider auf ihre Aussagen nicht verlassen.
Letzten Endes bekam ich den Eindruck, dass die Schriftquellen eher ein Licht auf den Gemütszustand ihrer Verfasser werfen, als auf unsere Vergangenheit.

2 Gedanken zu „Der Ärger mit den Schriftquellen

  1. Guten Tag
    Wurde je die Ausführung Sethus Calvisius‘ über eine Hochburg 743 verfolgt?
    Danke und Grüße Georg Duve
    Georg Nicolaus Bärmann: Hamburgische Denkwürdigkeiten für Einheimische und Fremde 1817, Th.1, S.XI-XII, Anm.
    Bärmann zitiert nach
    Michael Blochberg (in der Lit. unter Michael Gottlieb Steltzner), 1731, Versuch einer zuverlässigen Nachricht von den kirchlichen und politischen Zustande der Stadt Hamburg in den ältern Zeiten, nämlich von Carolo Magno bis auf Kaiser Friederich III. Theil 1, S.5-6. Die Seiten 1-2 auch zur Etymologie Hamm.
    Calvisius: Opus chronologicum, 1650, S.629, Jahr 743 nach Christi:
    linke Spalte, vorletzter Abs.: ‚Hochburch‘

    1. In den mittelalterlichen Schriftquellen taucht Hamburg erstmalig in den 830er Jahren auf, als Ludwig der Fromme hier ein Bistum stiftet und Ansgar als Missionar hierher geschickt wird. Hamburg wurde dadurch aber nicht gegründet, sondern nur ein schon bestehender Ort zum Bistum erhoben. Quellen aus der Zeit Karls des Großen berichten lediglich von Aktivitäten in „Sachsen“ oder im „Norden des Reiches“, was in der Vergangenheit immer wieder auf Hamburg bezogen wurde, worauf es aber keinerlei Hinweise gibt. Auf Aktivitäten Pipins des Jüngeren oder Karlmanns I. in oder um Hamburg gibt es ebenfalls keinerlei Hinweise. Archäologisch ist etwa für die fragliche Zeit zwar eine Befestigungsanlage an der Stelle der späteren Hammaburg nachgewiesen, hierbei handelt es sich aber höchstwahrscheinlich um eine einheimische, sächsische Gründung.

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