Die Ausstellung nimmt Form an …

Die Hamburger scheinen schon immer ein praktisch orientiertes Völkchen gewesen zu sein, denen offenbar nichts ferner lag, als Verschwendungssucht. Wenn ein Gebäude zu marode wurde, wurde es nicht einfach dem Erdboden gleich gemacht und seine Bestandteile über die nächste Böschung geschmissen. Stattdessen wurden die Einzelteile bis zum Letzten wieder verarbeitet. Und wenn ein Schmuckstück aus der Mode kam, wurde es auch nicht weggeworfen, sondern eingeschmolzen und in etwas neues Schickes verwandelt. Eine Einstellung die der Handelsstadt gut zu Gesicht stand und sie zu einem soliden Reichtum führte, der noch heute in unseren Bank- und Geschäftszentren zu sehen ist.
Vielleicht ein Segen für die Stadt, sicher ein Fluch für die Archäologen, da die sich immerzu wandelnde Stadt in Schweigen über ihre Vorgeschichte hüllt. Ihnen hat sie nur ihren Grundriss, ihren Alltagsmüll und wenige kleine Besonderheiten, die sich vor über 1000 Jahren aus dem Besitz ihrer Eigentümer stahlen und versteckten, aufbewahrt. Wäre das alles, was wir über die alte Hamburg in Erfahrung bringen könnten, würden wir nie auf die Idee kommen aus ihr eine Stadt zu machen, die schon im Mittelalter ihre Vormachtstellung im Norden des Karolingerreich etablierte. Doch hatte sie damals schon einen Namen, der in den Schriften Rimberts, Adams von Bremen, Helmolds von Bosau und Thietmars von Merseburg Widerhall fand. So wissen wir von einer großen, schönen Stadt, in der damals schon Menschen aus allen Himmelsrichtungen zusammen kamen, um miteinander Handel zu treiben und gemeinsam zu leben.
Aber auch von Bischof Ansgar erfahren wir durch einige dieser Autoren; von seinem Leben und Wirken und seiner Zeit in der Hammaburg. Seine Person wird mit im Zentrum der Ausstellung stehen. Doch wie stellt man eine Stadt und ihre Bewohner vor, die so ökonomisch gewirtschaftet haben, dass sie beinahe alle Anhaltspunkte für eine Interpretation ihrer Vergangenheit zur Unkenntlichkeit weiterverarbeitet haben?

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Stück für Stück nähren wir uns nicht nur dem Stadtbild, sondern auch dem Äußeren Bischof Ansgars durch die Textquellen und vergleichbare Fundplätze des 9. Jahrhunderts, um uns Fragen zu beantworten wie: Was genau trug der Bischof am Leib? Welche Gegenstände führten er und sein Gefolge bei sich, als sie zur Hammaburg kamen? Woraus aßen und tranken sie? Und wie sahen die Reliquiengefäße aus, die die Knochen Ansgars zuerst bezogen? Um nicht nur den Befund, sondern ein wahrhaftigeres Bild zeigen zu können, sind wir akribisch auf der Suche nach Ausstellungsstücken, die den Zeitgeist der frühen Tage der Hammaburg am besten vermitteln können.
So wird der Besucher in unserer Ausstellung auch auf den Schrein von Cammin treffen. Das Original besaß einen Holzkern, der mit 27 Beinplatten verziert war. Diese waren mit verschlungenen Tier- und Pflanzenmotiven im sogenannten Mammenstil verziert und waren mit aufgenieteten und vergoldeten Bronzestreifen befestigt, die auf dem Dach des Schreins in plastischen Tierköpfen endeten. Arbeiten im Mammenstil sind meistens herausragende Einzelstücke, sodass diese sich auch im sakralen Bereich finden lassen. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts waren Schreine mit diesen Verzierungen sehr beliebt. Der Schrein von Cammin soll um 1000 von einer nordischen Künstlerhand gefertigt worden sein und die Gebeine der heiligen Cordula (gest. um 435) beherbergt haben. Der Schrein kam in pommerschen Besitz und war von 1175 bis zum Ende des 2. Weltkrieges im Dom zu Cammin verwahrt. Seit damals gilt er allerdings als verschollen und die Forschung kann von Glück reden, dass die wenigen Kopien in ihren Museen gut verwahrt wurden.
Obwohl der Schrein von Cammin etwas zu jung ist, um als erste Behausung für die Reliquien Ansgars gedient haben zu können, zeigt er viele Seiten der Welt, in der der Bischof lebte.
Es war eine Zeit, in der die Globalisierung über die Weltmeere eilte und den Menschen ermöglichte, fremde Länder zu bereisen und Ausländisches bei sich zuhause zu kultivieren. Es war eine Zeit in der der Siegeszug des Christentums begann, doch nicht umher kam, sich mit der Kunst der Völker zu bekleiden, in die es einmarschierte. Es war eine Zeit in der ein französischer Bischof aufbrach um Nordeuropa zu zivilisieren und dessen Weg ihn allerdings nicht nur nach Hamburg, sondern auch nach Haithabu, Birka, Ribe und Rom führte. Es war also eine Zeit in der zu erwarten ist, dass die Kirche das globale Wesen ihrer Anhänger auch in der Formgebung ihrer heiligen Gegenstände wiederholte.

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